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Tschernobyl vor 28 Jahren – die gefahr bleibt : Radioaktive Strahlung war und bleibt unsichtbar

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Dr. Anatoliy Ruchytsya, ein Arzt aus der Ukraine, war einer der ersten Helfer im zerstörten Kernkraftwerk Tschernobyl. Er berichtet vor Schülern des Altenholzer Gymnasiums als Zeitzeuge über die Katastrophe.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2014 | 06:22 Uhr

Oberstufenschüler des Altenholzer Gymnasiums erhielten gestern Morgen einen Einblick in die schlimmste Umweltkatastrophe unserer Vergangenheit. Mit ruhiger Stimme erzählte Dr. Anatoliy Ruchytsya auf Russisch von seinem Einsatz in einem der verstrahltesten Gebiete der Erde – in Tschernobyl. 25 Jahre jung wurde der Arzt zwei Wochen nach dem Super-Gau am 26. April 1986 von der damaligen Sowjetregierung in die Sperrzone geschickt, um so genannte Liquidatoren medizinisch zu untersuchen.

Im Rahmen der Europäischen Aktionswochen unter dem Motto „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ unter der Organisation der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein reist der 54-Jährige in Begleitung von Martin Kastranek und Julica Voigt von der Heinrich-Böll-Stiftung durchs Land und berichtet von seinen damaligen Erlebnissen.

In seinen einleitenden Worten wies der Schulleiter Dr. Peter Wenners auf die enge Verbundenheit der Schule durch einen Schüleraustausch mit einer Schule in Kiew zur Ukraine hin und war deshalb besonders erfreut, den Gast aus Charkiw zu begrüßen.

Dr. Anatoliy Ruchytsya war auf der Notarztstation in der nord-ost-ukrainischen Stadt tätig, als ihn die Aufforderung erreichte, sofort nach Tschernobyl zu reisen. Obwohl bereits über zwei Wochen seit dem Super-Gau vergangen waren, habe niemand etwas von der Katastophe und ihren Ausmaßen gewusst, so Ruchytsya.

Es war ganz still im Raum unter den Schülern, als Anna Negatina, die als Dolmetscherin fungierte, von dem Moment berichtete, als das Team junger Ärzte mithilfe eines einfachen Strahlenmessgerätesfeststellen musste, dass das Gebiet höchst radioaktiv verstrahlt war. „Jetzt hatten wir Angst. Denn Radioaktivität kann man nicht fühlen, nicht sehen, nicht riechen“, so der 54-Jährige, der auch heute noch unter den gesundheitlichen Folgen seines Einsatzes in der zehn Kilometer-Sperrzone leidet. „Der Feind war überall, neben uns und wir waren seine Häftlinge“, beschrieb er seine damaligen Ängste.

Seine Aufgabe war die Untersuchung von 300 Bergarbeitern, die unmittelbar am Kernkraftwerk arbeiten mussten. Sie hatten einen Tunnel unter dem KKW zu graben – eine Arbeit, die sie nur 22 Minuten pro Tag und das nur für drei Tage verrichten durften. Und trotzdem hätten all diese Menschen die höchste Dosis an Strahlungen in ihrem Körper aufgenommen. Teils mit bloßen Händen, da die Roboter aufgrund der massiven Hitze und Radioaktivität ausgefallen waren, beseitigten Feuerwehrmänner, Bergarbeiter und andere die Schäden, evakuierten die Menschen aus den Sperrzonen. Sie werden Liquidatoren genannt. Viele dieser Menschen seien inzwischen gestorben. „Radioaktivität führt zu einem langsamen Tod“, so Ruchytsya. Am schlimmsten sei für ihn das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Radioaktivität und der Anblick der verlassenen Häuser und Dörfer sowie der vielen Haustiere, wie Kühe, Pferde, Katzen oder Hunde, gewesen.

Angesichts der politischen Entwicklung stellte Simon (18) die Frage, ob die Ukraine auch heute noch auf Atomkraft setze, um von Russland unabhängig zu werden, was der Arzt verneinte. Die Ukraine plane keine Neubauten und habe den Bau von drei KKW gestoppt. Parallelen zur Katastrophe in Fukushima am 11. März 2011 drängten sich auf, so Kastranek von der Heinrich-Böll-Stiftung. Der einizige Unterschied: In Tschernobyl führte menschliches Versagen zum Super-Gau, in Fukushima passierte es aufgrund einer Naturgewalt (Tsunami).

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