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Eckernförder Zeitung

19. Oktober 2017 | 04:24 Uhr

Sport gegen Gewalt : Probleme einfach wegkicken

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Das Projekt „Sport gegen Gewalt“ soll einen Ausgleich für junge Männer mit viel Testosteron zum Alltag schaffen. Trainer Wilfried Schlitzio hört jetzt nach mehr als zwölf Jahren auf.

shz.de von
erstellt am 14.Dez.2013 | 05:39 Uhr

Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die einen suchen sich den Weg des geringsten Widerstands. Sie vermeiden Probleme und warten ab, wo das Leben sie hinführt. Die anderen entscheiden sich für den steinigen Weg. Sie stellen sich jeder Herausforderung und wissen genau, was sie wollen. Wilfried Schlitzio gehört zur zweiten Sorte. Als der 62-Jährige 2001 die „Sport gegen Gewalt“-Gruppe in Eckernförde übernahm, wartete ein Haufen Arbeit auf ihn: Eine Horde junger Männer mit viel Temperament und noch mehr Selbstbewusstsein, die sich durch den Sport einen Ausgleich zum Alltag schaffen sollten.

Einmal in der Woche traf sich die bunte Truppe unter Schlitzios Leitung in der Sporthalle der Berufsschule, um sich beim Fußball auszupowern. Bei so viel Testosteron kam es häufiger zum Knall. „Das ging hier oft ganz schön hitzig zu“, sagt er. Platzverweise und Drohungen standen auf der Tagesordnung, nicht selten war der Trainer selbst Ziel von Anfeindungen. Aber Schlitzio biss sich durch, selbst ein Achillessehnenriss hielt ihn nicht davon ab, seine Jungs weiter zu trainieren. Heute, nach mehr als zwölf Jahren, gibt er die Leitung der Gruppe ab. Es sei Zeit, etwas kürzer zu treten, sagt er.

Für seinen langjährigen Einsatz wurde er bei seinem vorletzten Training in der Sporthalle von Klaus Michael Pötzke vom Landessportverband ausgezeichnet: „Wir verdanken Wilfried Schlizio eine tolle Trainerzeit. Manche hören schon nach einem Jahr wieder auf, aber er hat weitergemacht.“ Der Projektleiter von „Sport gegen Gewalt“ betreut über 70 solcher Sportgruppen in ganz Schleswig-Holstein. Das Zusammenspiel aus körperlicher Anstrengung und sozialem Miteinander soll Jugendlichen dabei helfen, ihre Aggressionen im Sport statt im Alltag auszuleben. „Wenn die sich hier zwei Stunden lang ausgepowert haben, sind die hinterher deutlich entspannter“, weiß Pötzke.

Auch für Murat Yesil ist der wöchentliche Kicker-Treff eine Art Ventil. „Egal was für Probleme man hat – hier vergisst man einfach alles“, sagt er. Schon seit dem ersten Treffen vor zwölf Jahren ist er dabei und verpasst kein Training, auch wenn er wegen einer Knieverletzung wie jetzt nur am Rand sitzt und zuschaut. Der Fußball wird hier fast zur Nebensache, die meisten der Jungs spielen nebenbei noch im Verein. Der 26-Jährige weiß, warum sie trotzdem kommen: „Das Besondere ist die Gemeinschaft, hier spielen alle zusammen, Jung und Alt gemischt.“

Statt zur Strafe beim nächsten Mal auf der Bank zu sitzen, entscheiden die Jugendlichen selbst, ob sie zum Training kommen oder nicht. Wer Lust hat, bringt Freunde oder Verwandte mit, zum Anfeuern. Von den rund 15 Jungs, die regelmäßig dabei sind, kommen die meisten nicht aus Deutschland. Türken, Afrikaner und Kurden – in der Gruppe sind alle gleich. Für Murat ist es genau das, was den Charakter der Mannschaft ausmacht. „Wir verstehen uns auch privat alle sehr gut, das hat schon ein bisschen was von Familie.“

Wilfried Schlitzio wird diese Familie jetzt verlassen – zumindest in sportlicher Hinsicht. Wer die Nachfolge des 62-Jährigen antritt, ist noch nicht sicher. Für die Jungs steht allerdings fest: Sie werden weiter jeden Donnerstag zum Training kommen. Obwohl ihn sein Job ziemlich einspannt, wird auch Murat Yasil weiter dabei sein. „Diese Zeit ist mir heilig“, sagt er.

> Interessenten für den Trainerjob können sich bei Klaus Michael Pötzke unter 0431/6486137 melden

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