Schweinswalschutz : „Porpoise Alert“: Fischer warnen und schützen Meeressäuger

Verlängerten die Vereinbarung zum Schutz der Schweinswale: (v. l.) Umweltminister Robert Habeck, Lorenz Markwardt (Vorsitzender des Landesfischereiverbandes), OIC-Leiterin Hannah Sliwka und Wolfgang Albrecht (Vorsitzender des Fischereischutzbundes).
Verlängerten die Vereinbarung zum Schutz der Schweinswale: (v. l.) Umweltminister Robert Habeck, Lorenz Markwardt (Vorsitzender des Landesfischereiverbandes), OIC-Leiterin Hannah Sliwka und Wolfgang Albrecht (Vorsitzender des Fischereischutzbundes).

80 Prozent der Stellnetzfischer setzen in Schleswig-Holstein die akustischen Alarmsysteme für Schweinswale in ihren Netzen ein.

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19. Juli 2018, 06:43 Uhr

Eckernförde | Der „Porpoise Alert“, kurz PAL, liegt mit den Schweinswalen auf einer Wellenlänge und ist ein lebensrettender Freund der streng geschützten Meeressäuger. Die neuartigen Warngeräte sind Teil einer am Mittwoch verlängerten Vereinbarung von Landesregierung und Fischereiverbänden zum Schutz der Schweinswalen. Das vom Kieler Meeresforscher Prof. Dr. Boris Culik entwickelte akustische Warngerät (übersetzt Schweinswal Alarm) imitiert die natürlichen Warnlaute der Tiere und stimuliert die Schweinswale dazu, ihre Echoortung zu intensivieren. Auf diese Weise können sie die Stellnetze in der Ostsee rechtzeitig wahrnehmen und ihnen ausweichen, während sie sonst möglicherweise hineingeschwommen und ertrunken wären.

Akustische Warnung für die Meeressäuger

1550 dieser elektronischen Impulsgeber unter Wasser sind kostenlos an 81 gewerbliche Stellnetzfischer zwischen Flensburg und Travemünde verteilt worden. Sie befestigen die PALs im Abstand von 200 Metern in ihren Netzen und sorgen so für eine großflächige Warnung aller im Umkreis befindlichen Schweinswale. 300 Kilometer Stellnetz konnten damit bestückt werden. Es könnten noch weitaus mehr sein, aber die PALs sind ausverkauft und müssen erst neu produziert werden. Insgesamt haben sich in Schleswig-Holstein 240 Stellnetzfischer freiwillig bereiterklärt, die PALs in ihren Netzen einzusetzen. Das sind immerhin 80 Prozent aller Stellnetzfischer im Norden.

Auf diese hohe Quote ist Umweltminister Robert Habeck richtig stolz. Nicht nur er, auch Lorenz Marckwardt, der Vorsitzende des Landesfischereiverbandes, und Wolfgang Albrecht, Vorsitzender des Fischereischutzverbandes, loben das freiwillige Engagement der Fischer zum Schutz der Schweinswale. Und es wird noch besser: Am Mittwoch haben der Umweltminister und die beiden Verbandsvorsitzenden sowie das Ostsee Info-Center (OIC) in Eckernförde eine Verlängerung und Stärkung des 2013 vereinbarten Schweinswalschutzes in Schleswig-Holstein bis 2022 beschlossen und die freiwillige Vereinbarung zum Schutz von Schweinswalen und tauchenden Meeresenten unterzeichnet.

Die zentralen Punkte:

  • Die Stellnetzfischer reduzieren in der Paarungs- und Kalbungszeit der Schweinswale vom 1. Juli bis 31. August freiwillig ihre Stellnetzflächen um bis zu 80 Prozent;
  • soweit verfügbar, werden PALs ganzjährig in den Stellnetzen befestigt, bedingt durch deren hohe Wirksamkeit können die Fischer dann auf die Netzlängenverkürzung im Juli und August verzichten;
  • die Stellnetzfischer meiden vom 16. November bis 1. März die Gebiete, in denen tauchende Meeresenten nach Nahrung suchen und werden über Vorkommen vom OIC informiert;
  • um herauszufinden, wie PALs langfristig wirken, wird der Einsatz durch ein wissenschaftliches „Monitoring“ begleitet.

Robert Habeck wies auf die sehr positive Entwicklung der anfangs von den Fischern skeptisch beurteilten Maßnahmen hin. „Der Schweinswalschutz funktioniert nur, wenn die Fischer mitmachen. Das klappt hier in besonderer Weise.“ Habeck dankte dem OIC, das die freiwillige Vereinbarung „aufs Gleis gebracht und das Vertrauen der Fischer und Naturschutzverbände gewonnen hat. Aus einem harten Konflikt ist ein stabiles Fundament geworden. Wir sind auf einem guten Weg, und es wird gut weitergehen“, sagte Habeck.

80 Prozent der Stellnetzfischer nehmen freiwillig teil – Beifangreduzierung im Öresund von 70 Prozent

Lorenz Marckwardt erinnerte an die schwierigen Anfänge. Anfangs habe den Stellnetzfischern gar ein totaler Fangstopp an der gesamten Küste gedroht. Mit viel Überzeugungsarbeit sei es aber gelungen, 80 Prozent der Stellnetzfischer zur freiwilligen Teilnahme zu bewegen. „Wir wollen keine Schweinswale fangen, wir wollen fischen“, sagte Marckwardt. „Diese Granaten sind aber nicht ganz ungefährlich“, wies er aber auch auf die Gefahren für die Fischer beim Einholen der Netze mit den kleinen, kompakten Signalgebern hin.

Wie wirksam die akustischen Warngeräte sind, zeigt ein Test im Öresund: Dort konnte eine Beifangreduzierung von 70 Prozent festgestellt werden.

Das OIC koordiniert den Einsatz und kontrolliert auch die Netze an der gesamten Küste. 430.000 Euro sind aus Mitteln des Europäischen Meeres- und Fischereifonds (EMFF) und des Landes ans OIC geflossen, bis 2022 dürfte diese Summe noch einmal bereitgestellt werden. In der Ostsee gibt es zwei Schweinswal-Populationen. Eine kleinere mit 500 bis 600 Tieren östlich von Rügen, in der übrigen Ostsee bis Bornholm inklusive Belt und Sund leben rund 40.000 Meeressäuger. Der Bestand gilt seit etwa 20 Jahren als stabil.

Nächster Schritt: Komoranverordnung

Kormorane fallen übrigens nicht unter die Vereinbarung. Sie sind aber ein natürlicher „Fressfeind“ für die Fischer, die darauf drängen, das ein „Managementplan für eine Kormoranverordnung“ abgeschlossen wird, wie Lorenz Marckwardt betonte. Es sei ein „kompliziertes und emotionales Thema“, so Habeck auf Anfrage von shz.de. Er möchte die Verordnung „gerne noch vor September abschließen“. Gibt es keine Einigung, läuft die Verordnung aus, und dann gebe es auch nicht die Möglichkeit von Vergrämungsmaßnahmen.

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