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Auftakt zur Lesereihe : Plädoyer für das Kulturgut Zeitung

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Kulturforum Strande lud zum Auftakt der Lesereihe ein. Podiumsdiskussion zur Frage „Wieviel Zeitung braucht Regionalkultur?“

shz.de von
erstellt am 01.Nov.2015 | 06:00 Uhr

Strande | Die Zeitung als Tante? Da ist etwas dran. So sehen es viele der etwa 40 Gäste, die am Donnerstag zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Strander Bürger lesen für Strander Bürger und Gäste“ des Kulturforums Strande ins Strandhotel gekommen sind, um zu hören und zu diskutieren. Sie sehen gepflegt aus, trinken Tee und Rotwein. Die, die sich zu Wort melden, sind Journalisten, Informatiker oder haben lange in England gelebt. Doch Qualität muss die Zeitung haben, sagen sie. Egal ob in der Papier- oder Online-Ausgabe. Gerade in Zeiten der schnellen Verfügbarkeit von Informationen im Internet. Dann geben sie gerne Geld dafür aus.

„Es ist kein Literarisches Hochamt, was mit dieser Reihe verbunden ist“, erklärt Gerd Schneider als Vorsitzender des Kulturforums Strande, der den Auftaktabend moderiert. Er hat für seinen Vortrag einen Abschnitt aus Uwe Johnsons „Jahrestage“ gewählt. Ein Roman, in dem der Autor mit Zitaten aus der New York Times die unmittelbare Gegenwart der Gesine Cresspahl spiegelt, die mit ihrer Tochter Marie in Manhattan lebt und dieser die Geschichte ihrer Vorfahren erzählt. Er liest mit sonorer, ruhiger Stimme, konzentriert auf Johnsons eigenwillige Aneinanderreihung von Sätzen, hebt nur ab und zu leicht die Hand, um dem Gelesenen Nachdruck zu verleihen. Täglich, auch am 13. August 1967, holt Gesine Cresspahl eine Ausgabe der New York Times vom Kiosk, mit der sie zu Hause ist, wie mit einer Person, einer ausgedachten Tante. Eine Tante aus vornehmer Familie, die in der Welt unterwegs gewesen ist, alles standesgemäß in den besten Hotels. Eine Tante, die mit der Zeit geht, die sie ausgerüstet hat, für ein Leben in New York. Sie nimmt zehn Cent für ihre Dienste.

„Wie soll Kommunikation funktionieren zwischen Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur?“, eröffnet Gerd Schneider danach die Diskussion. Neben ihm auf dem Podium sitzen Strandes Bürgermeister Dr. Holger Klink, Kommunalpolitiker Nikolaus Graf zu Reventlow, Cornelia Müller, freie Journalistin für die Kieler Nachrichten, und Arne Peters, Redakteur der Eckernförder Zeitung. „Egal ob Papier oder online, es muss gute Berichterstattung sein“, so sieht es Dr. Holger Klink. „Ich wünsche mir gut Recherchiertes, Hintergrundinformationen, sprachliche Qualität und eine persönliche Note. Eine Zeitung, die in der Region Impulse und Nadelstiche setzt, Dinge kritisch hinterfragt. Wenn das gegeben ist, ist Zeitung nicht wegzudenken als Bestandteil der regionalen Kultur.“ Für ihn ist es ein Fehler der Verleger, zuerst auf die Kosten zu schauen und Journalisten einzusparen.

„Das ist Wasser auf unsere Mühlen“, erklärt Redakteur Arne Peters. „Das fordern wir seit Jahren.“ Der Arbeitsdruck steige ständig, die Online-Ausgaben müssten nebenbei erledigt werden. Für ihn haben Zeitungen großen Anteil an der Identitätsstiftung in einer Region. „Es gibt ganze Familien, die seit Generationen eine Zeitung lesen. Da ist also noch etwas dran an der Tante.“

Leser und Anzeigen würden immer weniger, verdeutlicht die freie Journalistin Cornelia Müller. „Die Zukunft wird das Internet sein.“ Sie sieht die Zeitung nicht mehr als Tante, vielleicht noch als Neffe oder Nichte. Auch sie betont den Zeitdruck, unter dem sie arbeiteten. Ihr Appell an die Leser: „Schreiben Sie uns, was Sie sich wünschen.“

Nikolaus Graf zu Reventlow schlägt vor, mehr auf Themen zu setzen, die die jüngere Generation interessiert. Denn in Regionalzeitungen fänden sich die Menschen wieder. Da sei ein Teufelskreis im Gange, meldet sich eine Stranderin zu Wort. „Die Leute finden nicht mehr das, was sie wollen.“ Eine andere sagt, dass junge Leute online lesen, weil der Weg ein schnellerer sei. Doch gerade da gebe es im regionalen Bereich viele Möglichkeiten, die noch nicht genutzt würden. Zeitung sei ein großes Kulturgut, findet ein weiterer Gast. „Wenn Zeitung immer mehr nur zur Informationsverbreitung übergeht, muss man sich nicht wundern, dass jüngere Leser sich die Infos lieber schneller aus dem Netz holen.“ Es sei ein genialer Wurf von Uwe Johnson, die Zeitung mit einer Person zu vergleichen, so urteilt eine zugezogene Stranderin. Die Zeitung biete eine Chance, sich mit dem neuen Leben zu identifizieren. „Soziale Netzwerke können das nicht ersetzen“, ist sie überzeugt. „Die Zeitung darf nicht sterben. Sie bietet die Möglichkeit, in einer Region Wurzeln zu schlagen.“Die nächsten Lese-Termine:
>Mittwoch, 4. November, 19 Uhr, Acqua: Dr. Holger Klink, Bürgermeister
>Donnerstag, 12. November, 19 Uhr, Daisy, YCS: Uwe Schmidt, Pastor i.R.
>Freitag, 20.November, 19 Uhr, Strandhotel: Wolfgang Kubicki, RA, Politiker
>Donnerstag, 26. November, 17 Uhr, KYC: Dr. Chr. Sellschopp, Arzt
>Donnerstag, 3. Dezember, 17 Uhr, Das Kaiser: Dr. Werner Helten, Arzt
>Freitag, 11. Dezember, 16 Uhr, Bruno: Dr. Rudolf Förster, Gemeinderat, Arzt

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