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Eckernförder Zeitung

22. August 2017 | 02:07 Uhr

Pippi Langstrumpf: Die ewig junge Rebellin

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Eine Kunstfigur hat Geschichte geschrieben und ist bis heute beliebt bei Alt und Jung

Pippi Langstrumpf – es ist die, die als Kind zusammen gewürfelte Kleidung trug, weil es nach dem Krieg nichts anderes gab. Pullover, Röcke und Kniestrümpfe selbstgestrickt. Ohne Gummi, ein Strumpf immer auf Halbmast. Es gab nur schwarze und dazu das Leibchen. Schuhe entweder zu groß und von anderen schon zuvor getragen, wenn zu klein mit abgeschnittenen Kappen, damit die schnell wachsenden Zehen Platz hatten. Gretchenfrisur, Schnecke, Affenschaukel und beim Frisörspiel von Jungs abgeschnittene Zöpfe.

Es ist die, die noch in getrennten Klassen unterrichtet wurde, ob in Volksschulen, Mittelschulen oder Lyzeen. Als Erstklässler noch den Griffel benutzte, Schulspeisung von den Alliierten bekam. Es ist die, die beim Foxtrott heimlich in der Ecke, vom Tanzlehrer nicht einsehbar, den Boogie tanzte. Dann über den Rock’n’Roll, mit ein bisschen Jazz den Jive hottete und in die Schmusemusik der 60er und 70er fand. Es ist die, die als Klammeraffe mit ausgestellten Petticoats auf der Vespa saß, die Haare toupierte, nachts im Sessel schlief, um die Frisur zu schonen. Selbstständig ihre Mode machte, ob Empire oder Baby Doll. Die, die die Pumps trug und Strapse, mit Nylons und Naht, als es noch keine Strumpfhosen gab.

Es ist die, die sich ohne BH in ein T-Shirt traute, als erste badend „oben ohne“ ging, flitzte, den Minirock trug, den Maxi überging. Knallenge Hosen trug, sich diese in der Badewanne anzog, ihre Kleider schlitzte, bunte lange Hosen trug. Aber auch Hotpants, das erste Playmate war, sehr feminin sich zwischen Gazelle und Rubens bewegte, man sprach vom deutschen Fräuleinwunder. Es ist die, die Musikmode machte‚ mit Boney M., Abba und La Bionda, auch provokativ mit Texten wie: „Neue Männer braucht das Land“, so auf der Siegerstraße war.

Es ist die, die sich als Emma emanzipierte, als Studentin auf die Straße ging, demonstrierte‚ auch friedlich als Blumenkind. Aber auch in Bader-Meinhoff terrorisierte. Jetzt in die Politik ging, zum Umdenken zwang. Es ist die, die zwischen Pille und Contergan ihre Kinder bekam, modisch sehr selbstständig war, sich nicht durch Joop oder Lagerfeld diktieren ließ, nicht uniform, einen eigenen, ihren Typ erschuf. Sehr kreativ war, Rasierwasser als Parfüm kreierte. Auch so in die Männerwelt eindrang, eigentlich das Untere nach oben kehrte. Sich aber nicht in irgendeinem Beruf zu verwirklichen suchte, Hausfrau, mit erziehend, auch in der Familie Erfüllung fand. Für sie war Familie noch Pflicht!

Es ist die, die das Essen auf dem Tisch hatte, wenn die Kinder aus der Schule kamen. Immer zu Hause, zu jeder Zeit. Die, die die Schul- und Hausaufgaben überprüfte, den Kindern Takt beibrachte, dafür sorgte, dass ihre Kinder einen Beruf erlernten (und Häuser bauten). Heute sagt man neidvoll zurückblickend, es waren die Frauen der 50er, 60er, 70er, 80er Jahre. Das ist eigentlich falsch, denn es ist immer nur eine Frau.

Es ist die, die ihre Zeit geprägt hat, sich nicht prägen ließ, sie wird es weiterhin tun, ab von modischen und gesellschaftlichen Diktaturen, es ist immer noch dieselbe Frau, und die wird in diesem Jahr 73!

*Beruf war damals eine Berufung, heute ein Job, daher Jobcenter

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von
erstellt am 08.Okt.2013 | 00:36 Uhr

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