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Eckernförder Zeitung

16. Dezember 2017 | 18:41 Uhr

Pflanzen sind doch auch nur Menschen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Zwiegespräche mit unseren floralen Weggefährten: Über die Kunst, mit Pflanzen richtig und angemessen umzugehen

von
erstellt am 23.Mär.2016 | 18:12 Uhr

Ein Fernsehbericht über Pflanzenzucht und Aussaat stand unter dem Thema, wie mitfühlend sollte man mit Pflanzen umgehen? Gezeigt wurde ein Wissenschaftler, der angeblich entdeckt haben will, dass Blumen spürbar besser gedeihen, wenn man sie liebevoll streichelt. Es ist so ähnlich, wie bei uns Menschen. Und bei den Haustieren würden es ja auch manche praktizieren. Er streichelte vor laufender Kamera eine Taubnessel am Wegesrand. Sie wuchs sichtbar von fünf auf 25 Zentimeter.

Da hatte natürlich die Kamera nachgeholfen. Doch viele Gartenfreunde glauben fest an eine positive Wirkung. Die angebliche Wissenschaft hätte sich wohl von Anfang an erledigt, wenn statt der Taubnessel eine Brennnessel als Medium gedient hätte. Oder eine Heckenrose, Brombeere oder gar Bärenklau. Auch der Kaktus verabscheut offensichtlich Zärtlichkeiten. Da könnte man auch die Frage stellen, ob man die Pflanzen auch umarmen oder küssen sollte? Wie weit darf die Liebe gehen?

„Ich spreche immer mit meinen Pflanzen und sie reagieren prompt darauf“, meinte eine Dame mit dem grünen Daumen. „Was sagen Sie denn so zu Ihrer Topfblume?“, wollte der Reporter wissen. Ihre Antwort lautete: „Wenn Du nicht blühst und gedeihst, dann kommst Du in die grüne Tonne!“ Wie gut, dass ich nicht mit ihr verheiratet bin, muss er wohl im Stillen gedacht haben.

Eine andere Studie behauptet, dass die Bäume miteinander kommunizieren, Sie warnen sich durch kräftiges Rauschen mit ihrem Laub oder durch Ausstoßen von Blütenstaub. Ihre Ausstrahlungen kann man sogar messen, wird wissenschaftlich behauptet. Ich stelle mir dann immer vor, dass ich ins Zimmer komme und der „Türkenbund in meinem Blumentopf“ sagt zu mir: „He, Alter, was guckstu, habe Durst, gibst Du einen aus? Ich trinke Raki.“ Oder ich ruhe mich lesend unter einer Blutbuche aus und sie raunt mir leise zu: „Hallo, hast Du keinen spannenden Krimi dabei?“

Einmal war ich schon selbst nahe dran, an diese „Wissenschaft“ zu glauben. Meine Orchidee, die ich mit Hingabe gepflegt hatte, kränkelte. Sie, die so reich und lange in Blüte stand, brachte nur noch wenige kleine Knospen hervor, die bald vertrockneten und abfielen. Etwa ein halbes Jahr stand sie unansehnlich herum. Um ihr Aussehen etwas aufzubessern, steckte ich einen künstlichen Stiel mit Orchideenblüten in den Topf. Es dauerte gar nicht lange, da entdeckte ich den ersten Blütentrieb und weitere Luftwurzeln am Orchideenstrunk. Sogar neue frischglänzende Blätter belebten die Pflanze. Ich glaube, sie hatte verstanden oder war sie gar eifersüchtig geworden?

Pflanzen, die für uns blühen sollen, brauchen unterschiedliche Pflege. Die einen viel Sonne, die anderen schattige Plätzchen. Boden und Bewässerung spielen eine große Rolle. Doch eigentlich tun wir Menschen alles für die Pflanzen, die unseren Garten und Fensterbänke zieren, nur aus reinem Egoismus. Wir düngen, versorgen sie mit guter Erde, beschneiden sie im Herbst und schützen sie vor Frost nur, damit sie für uns blühen oder wir ihre Früchte ernten können.

Wir verdienen Geld mit ihnen. Wir schenken der Angebeteten Rosen, damit sie uns erhört. Wir züchten sie, verändern ihre Gene, als wären wir Gottvater persönlich. Duft, Farbe und Geschmack werden immer neu bestimmt, aber stets zu unserem Nutzen. So züchtete man aus einer unscheinbaren „Gemüsekohl-Wildpflanze“ Wirsing, Weißkohl, Brokkoli, Kohlrabi, Blumenkohl, Romanesco, Rosenkohl, Rotkohl, Grünkohl, Chinakohl Spargelkohl, Spitzkohl und Zierkohl. Bei allem menschlichen Wissen und Möglichkeiten, sollten wir einfach nur mal dankbarer sein.

Eine blühende intakte Wiese mit all ihren großen und kleinen Schönheiten bleibt für mich der Ausdruck höchster Lebensfreude.

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