Ostlandstraße: Leben auf Sparflamme

Besuch beim früheren Kollegen: Amtsleiter Klaus Kaschke (r., mit dem Sozialausschussvorsitzenden Michael Kornath, 2.v.l.) bei Erich Witt und Annegret Niklas in der Ostlandstraße.
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Besuch beim früheren Kollegen: Amtsleiter Klaus Kaschke (r., mit dem Sozialausschussvorsitzenden Michael Kornath, 2.v.l.) bei Erich Witt und Annegret Niklas in der Ostlandstraße.

Obdachlosenunterkunft als letzte Obhut für Menschen am Rande der Gesellschaft / Neben Eingewiesenen leben dort auch "Freiwillige"

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14. September 2012, 08:00 Uhr

Eckernförde | Lässt die Stadt die Obdachlosenunterkunft in der Ostlandstraße verkommen? Diesen Eindruck erweckte eine  frühere Bewohnerin am Mittwochabend in der Fragestunde der Ratsversammlung. "Die Obdachlosen werden krank dort", berichtete sie. Feuchte Wände, "erstklassige" Schimmelbildung, rotte Fenster und kaputte Öfen belasteten die Bewohner. Erst kürzlich sei eine junge Frau mit schwerer Lungenentzündung ins künstliche Koma versetzt worden. "Das ist menschenunwürdig, nehmen Sie sich das zu Herzen." Zugesagte Reparaturen seien bis heute nicht erfolgt, übte sie Kritik am zuständigen Amtsleiter Klaus Kaschke. "Die Obdachlosen sind die Angeschissenen."

Die Betroffenen, die sich gestern gegenüber der EZ äußerten, sehen die Lage etwas entspannter als die Beschwerdeführerin. Die Obdachlosenunterkunft wurde 1968 nach dem Brand des Lagers in der Rendsburger Straße gebaut. Dort stehen 40 Zimmer zur Verfügung, 24 sind derzeit belegt. Einer der vier Blocks ist ausschließlich für Asylbewerber und Flüchtlinge reserviert - derzeit steht er leer. Der Standard dort ist wegen der beabsichtigten Integration in einem fremden Land höher als in den übrigen Zimmern, die eigentlich nur als vorübergehende Unterkünfte genutzt werden sollen, allereinfachsten Standard haben und mehr als spartanisch sind: 18 Quadratmeter, weiße Wände, Ofen, Spüle mit Wasseranschluss - einrichten müssen sich die Bewohner selbst. Das Ganze für zwei Euro Miete pro Quadratmeter.

Vorübergehende Nutzung? Das trifft längst nicht auf alle zu. Rolf Tetzner (50) wohnt dort bereits seit 1993 - freiwillig. Der frühere Seemann und seit zehn Jahren fest angestellte Möbelpacker hat sich seine beiden Zimmer gemütlich hergerichtet. "Alles gut in Schuss", sagt Tetzner, "bei mir kann man vom Fußboden essen". Da auch er wie alle anderen Bewohner ohne Zentralheizung - dafür hat jeder einen Ofen - , fließend warmes Wasser und Dusche auskommen muss, geht er für einen Euro zum Duschen ins Meerwasserwellenbad. Das Holz sägt er sich selbst auf dem Hof, und das WC auf dem Flur teilt er sich mit einem Zimmernachbarn. Für Rolf Tetzner reicht das, er ist "im Großen und Ganzen zufrieden", auch der Zusammenhalt im "Lager" sei gut.

Nur die wenigsten gehen wie Tetzner einer regelmäßigen Beschäftigung nach. Drei Viertel leben von Hartz IV. Wie Kurt Karjel. Der 61-Jährige hat früher viele Jobs gemacht, ist zur See gefahren, hat Bier ausgefahren. Nach dem Tod seiner Mutter konnte er die Wohnung nicht mehr halten, hatte Mietschulden, musste raus und wurde über das Sozialamt in die Wohnanlage Ostlandstraße eingewiesen. Das war im Dezember vor 14 Jahren. "Ich komm hier nicht mehr raus", sagt Karjel. Seitdem schlägt er sich auf kleinstem Raum durchs Leben. 350 Euro bleiben ihm im Monat. "Aber das kann ich mir noch leisten", sagt er und nimmt am Vormittag einen Zug aus der No-Name-Halbliter-Buddel. "Das machen auch die heimlichen Gardinen-Trinker", meint Rolf Tetzner, "die dann aber mit dem Finger auf uns zeigen". Alkohol und auch illegale Drogen sind ein Problem in der Anlage, das bestätigt auch die frühere Familienhelferin und ehrenamtliche Hausmeisterin Helga Rohde, die sich seit 15 Jahren bei freier Logis um die Bewohner kümmert. Eine junge Frau musste gerade wegen einer Überdosis in die Klinik eingeliefert werden.

Manuela Brockel, die früher als Putzfrau in Damp und Eckernförde gearbeitet hat und nach einem Schlaganfall derzeit nicht arbeiten kann, lebt seit zweieinhalb Jahren mit ihrem geduldeten Staffordshire "Lela" im "Lager". Ihre Fensterrahmen sind rott, ebenso bei ihrer Nachbarin, die als Messie zwischen Kartonbergen lebt. Die neuen Kunststofffenster sind aber schon bestellt, sagt Helga Rohde, die gegenüber in einer Wohnung lebt. "Sobald eine Wohnung frei wird, wird sie renoviert." Der neue "Glanz" halte nur leider zumeist nicht lange vor. Viel sei schon geschehen, in etlichen Wohnungen seien bereits neue Fenster eingebaut worden und immer wieder neue Türen und Öfen, die von den Vormietern zerstört worden sind. Wegen anhaltender Zerstörungswut vieler Bewohner habe sie auch die Duschanlage im Asylbewerber-Block dicht machen müssen - Öffnung nur im Einzelfall.

Seit zwei Jahren wohnen Erich Witt und Annegret Niklas in zwei Zimmern. Der frühere Sozialhilfeempfänger hat 18 Jahre fest bei der Müllabfuhr gearbeitet. Die Mietwohnung in der Scharnhorststraße war ihm zu teuer, auch er lebt jetzt aus freien Stücken in der Ostlandstraße und möchte trotz des einen oder anderen Problems mit Schlägereien oder Alkohol ("Wenn das Geld alle ist, wird es hier ruhiger") auch dort bleiben.

Klaus Kaschke nahm gestern vor Ort zu den in der Ratsversammlung erhobenen Vorwürfen Stellung. Mit dabei war auch der Vorsitzende des Sozialausschusses, Michael Kornath (CDU). Natürlich sei die Anlage Ostlandstraße "kein Wohnparadies", doch sie entspreche allen gesetzlichen Anforderungen und werde von der Stadt jedes Jahr mit 15 000 Euro unterhalten. Hinzu kämen noch die Sanierungskosten für neue Fenster, Türen, Öfen oder sonstige notwendige bauliche Maßnahmen. Hier habe es zwar einen gewissen Investitionsstau gegeben, seit 2010 habe die Stadt aber 55 000 Euro in die Anlage investiert. Man sei auch der Beschwerdeführerin in einigen Punkten entgegengekommen, habe aber nicht alle Wünsche erfüllen können wie eigene Dusche, warmes Wasser oder eigene Küche. "Es gibt hier Leute, die zu zweit in einem Zimmer wohnen", sagte Kaschke. Man habe mit der eingeschalteten Bürgerbeauftragten einen Ortstermin gehabt, "die Vereinbarungen sind eingehalten worden", sagt der Amtsleiter. Auch der Petitionsausschuss habe der Stadt bestätigt, dass sie ihren Verpflichtungen einer menschenwürdigen Standardunterkunft nachkomme, sagte Kaschke weiter. Reparaturen würden ausgeführt und der auch in "normalen" Wohnungen auftauchende Schimmelbefall behandelt. Die Stadt lasse die Obdachlosenunterkünfte auch in Zukunft nicht verkommen.

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