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Eckernförder Zeitung

14. Dezember 2017 | 09:18 Uhr

Opulente Hochzeit zum Jahresende

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

shz.de von
erstellt am 28.Dez.2013 | 06:37 Uhr

Es war eine zum Casino umfunktionierte, konfiszierte Wohnung in Radom, in der sie sich das erste Mal begegneten. Die heutige polnische Großstadt rund 100 Kilometer südlich von Warschau war von 1939 bis 1945 im Generalgouvernement vom Deutschen Reich militärisch besetzt. Er war Oberleutnant und Regimentskommandant, sie arbeitete in der Zivilverwaltung. Man hatte drei, vier charmante Damen zur Zerstreuung eingeladen. Sie tanzten zur Musik aus dem Grammofon. „Wir mochten uns“, erinnert er sich. „Aber der erste Abend war sehr harmlos.“ Das war an Weihnachten 1940. Heute sind Gertrud (94) und Karl Lindemann (97) 65 Jahre verheiratet.

Im Sommer sind sie von Hamburg nach Gettorf in die Seniorenwohnanlage am Park im Hainweg gezogen. Karl Lindemann erzählt ausführlich, spricht wohlformuliert. Seine Frau wirft nur hin und wieder leise eine Bemerkung ein. Sie stammt aus Lutherstadt Wittenberg, besuchte dort die Handelsschule, wurde Sekretärin. Er ist in Halle an der Saale geboren, wurde Soldat. Nicht lange nach ihrer ersten Begegnung in Radom, wohin sie der Krieg führte, wurde sein Regimentsstab verlegt. Über Feldpost hielten sie lose Kontakt. Er überlebte den Russland-Feldzug nachts bei 30 Grad Kälte, wurde nach Frankreich geschickt, geriet dort in Kriegsgefangenschaft und kam nach Kriegsende in einem Kellerloch bei seiner Schwester in Harvestehude unter. Er nahm den abgebrochenen Briefwechsel mit Gertrud wieder auf, ergriff die Gelegenheit bei einem Freund in Lüchow Weinkaufmann zu lernen und führte dessen Weinhandlung. Sie arbeitete inzwischen als Chefsekretärin beim Draht- und Kabelwerk Hanomag in Hannover. 1947 verbrachten sie erstmals Weihnachten und Silvester miteinander. „Da sind wir uns schon sehr nahe gekommen“, verrät er schmunzelnd. Am 28. Dezember 1848 feierten sie opulent Hochzeit. „Das war eine lustige Nacht“, sagt er. Fotos haben sie leider nicht mehr.

1949 kam Sohn Christian, 1956 Tochter Gabriela zur Welt. Sie wohnten inzwischen in Cochem an der Mosel, wo er als Geschäftsführer einen Weinhandel betrieb. Wieder als Berufsoffizier eingestellt baute Karl Lindemann 1956 als Major im Amt Blank (nach Behördenleiter Theodor Blank), der Vorgängerinstitution des Verteidigungsministeriums, die Bundeswehr wieder mit auf, wechselte 1969 als Personalchef in die Führungsakademie für Offiziere nach Hamburg. Ihr Häuschen in Blankenese behielten sie über seine Pensionierung 1975 hinaus. 2004 bezogen sie ein Appartement in der Seniorenwohnanlage Elbschlossresidenz. „Ein Luxus, das kann man sich nicht vorstellen“, erzählt Sohn Christian, der seit 15 Jahren in Revensdorf wohnt. „Mit exklusivem Wellness-Bereich und Dienstleistungen rund um die Uhr. Das ist heute nicht mehr bezahlbar.“ Als die Mutter krank wurde, holte er die Eltern im Sommer nach Gettorf. „Wir fühlen uns hier sehr wohl“, versichert Karl Lindemann. „Das Personal und die Schwestern sind prima.“

Die Bilder in ihrem Zimmer zeigen ein Hochtal im schweizerischen Kanton Graubünden in Oberengadin, wo sie eine Pachtwohnung hatten und oft zum Wintersport waren. Eine andere große Leidenschaft ist ihr Familienbuch, welches Karl Lindemann akribisch mit Eintragungen füllt. Groß feiern können sie ihre eiserne Hochzeit aus gesundheitlichen Gründen nicht. „Aber mit einem Gläschen Wein stoßen wir schon an“, sagt er und blickt seine Frau an. „Sie ist doch mein bestes Stück.“

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