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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2017 | 12:45 Uhr

Demenz : „Opa lebt in einer anderen Welt“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Angehörige von Menschen mit Demenz finden Hilfe in monatlichen Gesprächsgruppen / Erfahrungsaustausch steht an erster Stelle

shz.de von
erstellt am 27.Mai.2017 | 06:13 Uhr

Rendsburg | „Die Krankheit schleicht sich einfach so ein. Man merkt es am Anfang gar nicht“, sagt Anke Braasch. Ihr Mann erkrankte vor fünf Jahren an Alzheimer. Die 73-Jährige ist eine der rund 30 Betroffenen, die regelmäßig zu den Treffen der Gesprächsgruppe für Angehörige kommt, die von der Pflege LebensNah in Rendsburg, Eckernförde und Nortorf organisiert werden.

An den Beginn der Krankheit erinnert sich Anke Braasch noch ganz genau. „Mein Mann war immer besonders gut im Kopfrechnen“, sagt sie. 30 Jahre lang arbeiteten die Eheleute gemeinsam im Verkauf. „Er setzte sich einen Abend an den Tisch und schrieb Zahlen auf, die er zusammenrechnen wollte. Das schaffte er aber nicht.“ Der Moment hat sich bei der 73-Jährigen eingebrannt. „Er merkte, dass etwas nicht stimmte. ‚In meinem Kopf ist alles durcheinander‘, sagte er. Er spürt die Krankheit.“ Brigitte Voß von der Pflege LebensNah kennt dieses Phänomen. „Die Erkrankten vergessen zwar vieles, fühlen aber umso mehr“, sagt die Pädagogin, die die Gesprächsgruppen für Angehörige leitet. Die monatlichen Treffen geben Anke Braasch Halt. Lange versuchte sie, mit der Diagnose alleine klar zu kommen. „Ich ärgere mich, dass ich nicht schon früher gekommen bin“, sagt sie heute. „Man wird hier aufgefangen und bekommt Tipps. Zum Beispiel dazu, was man alles beantragen kann. Da kenne ich mich gar nicht aus. Und man kann sich austauschen.“ Freunde und Bekannte könnten mit dem Thema nur schwer umgehen, könnten es manchmal auch nicht mehr hören. Viele wüssten nicht, wie sie Anke Braaschs Mann begegnen sollen. „Am besten macht das eigentlich unsere Enkelin. Sie geht ganz selbstverständlich damit um“, sagt Braasch. Bei einem Mittagessen fasste die Zehnjährige zusammen, dass „Opa in einer anderen Welt lebt“. Braaschs Mann vergisst nicht nur, er sieht auch Dinge, die nicht da sind. „Manchmal fragt er mich nach unserem zweiten Hund, dabei haben wir nur einen“, sagt die 73-Jährige.

Der Zustand ihres Mannes verschlechterte sich schnell. Ständig sei sie damit beschäftigt, ihren Ehemann, mit dem sie seit 55 Jahren verheiratet ist, im Auge zu behalten. Mindestens einmal in der Nacht steht sie mit ihm gemeinsam auf. Ein Heim kommt für sie nicht in Frage. „Es fällt mir so schwer loszulassen“, sagt die 73-Jährige. „Aber ich bin gleichzeitig einfach so erschöpft. Ich gehe jeden Tag an meine Grenzen.“ Inzwischen besucht ihr Mann montags bis freitags die Tagespflege. Welcher enorme Druck auf den Angehörigen von Demenzerkrankten lastet, weiß Brigitte Voß nur zu gut. „Sie wollen den anderen nicht im Stich lassen“, sagt die Pädagogin. „Die Krankheit bringt im Leben alles durcheinander. Oft funktionieren die Angehörigen nur noch.“ Besonders belastend sei der Krankheitsverlauf. „Die Angehörigen wissen, dass es niemals wieder bergauf gehen wird. Das zermürbt.“ Umso wichtiger sei es, nicht zu vergessen, dass das Leben trotz Demenz lebenswert sein kann. „Kleinigkeiten reichen oft aus, um den Patienten eine Freude zu machen“, sagt Voß. „Man muss ihnen das Gefühl geben, dass sie auch noch etwas Besonderes sind und ihnen gewisse Freiräume lassen.“ Letzteres fiel Anke Braasch anfangs schwer. Sie habe aber viel dazugelernt. „Inzwischen stört es mich nicht mehr, wenn mein Mann mit Schuhen schläft. Wenn ihm das ein gutes Gefühl gibt, dann ist das eben so.“

> Die Termine der Gesprächsgruppen findet man unter www.pflegelebensnah.de/beratung/demenz, weitere Infos gibt es unter Telefon 043  31/3  38  71  61.

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