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Eckernförder Zeitung

20. Oktober 2017 | 09:24 Uhr

Intreview : Nonne, Diplomatin, Managerin

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Autorin Linda-Maria Koldau aus Jellenbek hat ihr neues Buch Teresa von Avila gewidmet

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2014 | 06:19 Uhr

Dem 500. Geburtstag der Teresa von Avila, einer spanischen Nonne, hat Autorin Linda-Maria Koldau ihr neues Buch gewidmet. Darüber spricht sie im Interview mit unserer Redaktion.

Frau Koldau, im September ist Ihr neues Buch, eine Biografie über Nonne Teresa von Avila, erschienen. Warum wollten Sie dieses Buch schreiben?
Es gehört zu meinen beiden großen Forschungsgebieten. Das eine ist die Küstenkultur und maritime Geschichte, das andere die religiöse Kultur der Frühen Neuzeit. Bisher habe ich mich primär mit norddeutscher Klosterkultur beschäftigt, in den vergangenen zwei Jahren aber zunehmend über Klostermanagement und Überlebensstrategien der Klöster gearbeitet. Dadurch bin ich auf Teresa als eine besondere Persönlichkeit gestoßen: Theologin, Reformerin, Klostergründerin und Managerin.
Wie sind Sie für Ihr Buch vorgegangen?
Wichtige Quellen sind ihre eigene Biografie und ihr „Buch der Gründungen“. Letzteres ist ein hochspannender Bericht über die Gründung ihrer Klöster, der einen mitten in das Spanien des 16. Jahrhunderts hineinführt. Gleichzeitig ist es ein Handbuch für die Führung dieser Klöster, das ein unschätzbares Maß an Management- und Lebensweisheiten enthält. Sehr wichtig sind auch Teresas erhaltene Briefe in drei Bänden. Sie geben einen unmittelbaren Einblick in ihren Alltag und das Netz an persönlichen Beziehungen, die sie unterhielt. Aus diesen Briefen wird deutlich: Diese Frau stand mitten in der ganz großen Weltpolitik. Sie wurde von Königen, Päpsten und Kardinälen respektiert und anerkannt. Gleichzeitig war ihr jeder einzelne Mensch, gerade auch von bescheidenster Abkunft, wichtig.

Man liest, das Geheimnis des Lebens der Teresa von Avila sei nicht so leicht zu verstehen. Eben weil es ganz in Gott verborgen war. Wie sehen Sie das?
Eigentlich nicht so. Teresas Schriften zeichnen sich durch ihre enorme Offenheit aus. Sie legt ihre Nöte und Zweifel dar. Sie ringt Jahrzehnte darum, eine echte, innige Beziehung zu Gott zu finden. Sie wird menschlich dadurch, dass sie nicht die perfekte Heilige ist. Man kann ihr Leben in zwei Abschnitten sehen: die schweren Jahrzehnte, in denen sie darum rang, eine innige Gottesbeziehung zu finden, und dann ihre letzten zwanzig Jahre, in denen sie, gefestigt in dieser Beziehung, nach außen wirkte und dabei gesellschaftliche Begrenzungen geradezu sprengte. Sie wurde zur Missionarin im eigenen Land, in einer Zeit und Gesellschaft, die Frauen am liebsten eingesperrt sah.
Teresa von Avila war Philosophin, Reformerin, Kirchenlehrerin, Klostergründerin, Gelehrte und gilt als bedeutendste Mystikerin. Was interessiert Sie am meisten an ihr?
Als Kulturhistorikerin interessieren mich vor allem der Mensch und Teresas hohe Begabung als Managerin. Zur Mystik gibt es schon sehr viel theologische Forschung. Mich dagegen fasziniert die Gründerin, Diplomatin und Managerin – mit welchem Geschick und Humor sie sich behauptet hat in einer Gesellschaft, die Frauen ein solches Wirken eigentlich gar nicht erlaubte.
Bewundern Sie sie?
Ja, auf jeden Fall. Vor allem ihr unbedingtes Festhalten an ihrer Identität und ihr Durchhaltevermögen. Teresa befand sich in einer sehr „modernen“ Situation: Wenn man ernste Missstände in gesellschaftlichen Strukturen sieht, seine Verantwortung wahrnimmt und auf diese Missstände aufmerksam macht, wird man von vielen angefeindet, und es wird alles getan, dass man seine Ziele nicht verwirklichen kann. Auch in ihrer Zeit wurde Teresa verbannt, beschimpft und bekämpft. Aber sie hat gegen alle Widerstände weitergemacht und ein großes Reformwerk geschaffen, das über Jahrhunderte Gutes gewirkt hat.
Ihr Reformwille und emanzipatorisches Vorgehen wurde mit Argwohn verfolgt. Sie schrieb: „Ich werfe unserer Zeit vor, dass sie starke und begabteste Geister zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt.“ Das könnte man heute auch noch sagen, oder?
Das kann man heute genauso sagen. (lacht). Großartig, dass sie das so klar ausspricht. Es gibt in meinem Buch ein Unterkapitel zur Stellung der Frau, wo ich die Strategien darlege, wie Teresa mit der Frauenfeindlichkeit ihrer Zeit umgeht. Mit Ironie und subtilem Humor führt sie die Lächerlichkeit vor, die in den Argumenten gegen die Frauen steckt.

Wir erleben, dass sich immer mehr Menschen von den christlichen Kirchen abwenden. Aber die Sehnsucht nach Gott und Spiritualität ist doch da ….
Ja, und die Kirche tut nicht genug, um dem entgegenzuwirken. Deswegen ist Teresa so beliebt – immerhin wurden ihre Schriften in 160 Sprachen übersetzt. Teresa ist als Mensch ihrer Zeit zwar völlig in die Institution Kirche eingebunden und möchte das auch nicht anders sein. Aber sie sieht das Wesentliche eines Lebens im Glauben nicht in der Zugehörigkeit zur Institution Kirche. Für Teresa macht die Beziehung zu Gott als Freund das Zentrum des Lebens aus. Daraus hervor geht die liebevolle Beziehung zum Nächsten. Das ist etwas, mit dem sich auch Leute anfreunden können, die sich der Kirche abgewandt haben oder sich anderen Weltreligionen nahe fühlen. Der Kern von Teresas Leben und Lehre sind der Gottesbezug und die menschlichen Beziehungen: zwei existentielle Bedürfnisse, die das Menschsein ausmachen.

Arbeiten Sie an einem neuen Buch?
Ich schreibe gerade an einem neuen Buch zum Thema Küstenschutz angesichts des Klimawandels. Der Ausgangspunkt sind die niederländischen Strategien des Küstenschutzes, die uns heute lehren, mit dem Wasser und nicht gegen das Wasser zu leben.



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Das Buch „Teresa von Avila“ - Agentin Gottes (1515-1582) von Linda Maria Koldau ist im C.H. Beck-Verlag erschienen und kostet 22,95 Euro. ISBN 978-3-406-66870-8. Es ist auch als E-Book erhältlich.



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