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Nikolaus, die Geschichte einer fiktiven Person

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

von
erstellt am 21.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Als ich das erste Mal als sechsjähriger Bub dem Nikolaus bewusst begegnete, hatte ich nur einen Gedanken: “Bloß weg hier!“ Unsere Familie bewohnte damals ein altes Schloss im Süden der Steiermark. Über den langen Flur, der nur schwach erhellt war, kamen mir zwei Gestalten entgegen. Sie waren der Nikolaus in Bischofsornat mit hoher Tiara, goldenem Buch und Krummstab und sein Begleiter, der Krampus, der das Böse, den Satan verkörperte. Diesen erkannte ich sofort an der gehörnten schwarzen Teufelsmaske. In der Rechten trug er eine Peitsche in der Linken eine zwei Meter lange Kuhkette, die er furchterregend so über den Steinfußboden rasseln ließ, dass die Funken stoben. Aus seinem Rucksack baumelten zwei Kinderbeine. Ich versteckte mich – zusammen mit meiner jüngeren Schwester – unter unseren Betten.

60 Jahre später stand ich selbst am Grab des „Heiligen Nikolaus“. Dort nennt man ihn Noel Baba. Sein Geburtsjahr liegt im 4. Jhdt n. Chr. In der Türkei ist über der Grabstätte des Bischofs Nikolaus von Myra (Lykien)eine Basilika errichtet. Der steinerne Sarkophag des Bischofs ist fast leer. Der Reiseführer erzählte uns, dass 1087 drei Schiffe aus Italien gekommen sind, die das Skelett geraubt und nach Bari/Süditalien gebracht hätten. Ein paar Knochen seien dabei in der Eile vergessen worden. Tatsächlich wurde für ihn in Bari eine Wallfahrtskirche gebaut. Die Kirche von Myra ist viele Male restauriert worden. Erdbeben und Überschwemmungen haben sie zerstört.

Der Nikolaus lebte nicht allein durch seine Legenden, sondern gilt als Begründer des Brauchtums in den Völkern Europas. An ihn müssen nur Kinder glauben. Seine Figur ist fiktiv. Die Kinder sollen ihn als heimlichen Geschenkebringer sehen. Er ist der „gütige Zeigefinger in persona“. Angefangen hat alles mit der Jungfrauenlegende. Unzählige Berufssparten haben im Laufe der Zeit Legenden für ihren Bereich erfunden und ihn als Patron in der Not angerufen. Zwei immer wiederkehrende Legenden will ich erwähnen: Drei Jungfrauen hatten ihr Socken zum Trocknen in den Kamin gehängt und fanden am nächsten Morgen je einen Goldklumpen darin. Sie konnten damit heiraten und eine Familie gründen. In Abwandlung dieser Legende ist das Wunderbare nicht drei Jungfrauen widerfahren, sondern drei Frauen vom horizontalen Gewerbe, die ab sofort auf den rechten Weg geführt wurden. Der Bischof von Myra hatte dort das Patronat der Seefahrer inne. Bei Sturm sollen sie ihn angerufen haben und die Seenot ging an ihnen vorüber.

Mehr als 1500 Jahre hat das Brauchtum um den Nikolaus in den verschiedenen europäischen Völker Bestand. Weder Idealisierung, Frömmelei, noch die gnadenlose Vermarktung haben daran etwas geändert. Es fing mit dem Kinderbischofsspiel an. Kinder verkleideten sich als Bischof und die Erwachsen hatten zu gehorchen. Es war ein Narrenspiel der umgekehrten Ordnung, das sich auf den Kirchenfeiertag der “ Unschuldigen Kindlein“ am 6.12. d.J. einbürgerte. Obwohl es bereits 867 vom Konzil zu Konstanz verboten wurde, blieb dieser Brauch bis in unsere Zeit erhalten.

Ahnungslos öffnete meine Mutter auf das Klingeln die Haustür unserer Wohnung in Graz/Steiermark und hinein stürmten verkleidete Buben und Mädchen mit Ruten und schlugen damit auf meine erschrockene Mutter ein. Dabei murmelten sie Sprüche und hielten ihr unmissverständlich das mitgebrachte Säckchen unter die Nase. Verstanden hatte die Ärmste gar nichts, da die Sprüche in steirischer Mundart waren. Nikolausgaben gab es in aufgehängte Strümpfe, in blankgeputzte Stiefel oder auf Tellern die über Nacht herausgestellt wurden. Ursprünglich bastelten die Kinder Nikolausschiffchen.

Eine außergewöhnliche Nikolausnacht habe ich in Erinnerung: Es war in Graz. Alles war für die Nacht bereit. Wir hatten die Winterstiefel blank geputzt und waren artig zu Bett gegangen, nicht ohne zu beten. Da mitten in der Nacht gab es einen Höllenlärm. Die Türen flogen auf und zu und mein Bett zitterte. In der oberen Wohnung war sogar ein Schrank umgefallen. Dann war es totenstill. Na, dachte ich mir, der Nikolaus war wohl da, aber eigentlich hat er früher nicht so einen Lärm gemacht und schlief wieder ein. In Wirklichkeit hatte ein mittelschweres Erdbeben die Stadt erschüttert.

Auch in Eckernförde, begegnet uns der Nikolaus. Er kommt mit dem Schiff von See her und wird mit einem Fackelzug und Musik vom Hafen abgeholt und zu der nach ihm benannten Kirche geleitet. So schließt sich der Kreis um eine uralte Legendenfigur.

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