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Eckernförder Zeitung

19. August 2017 | 00:28 Uhr

Jazz im TÖZ : New Orleans Jazz vom Feinsten

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Jazztage im Kreis: Ausverkauftes Haus im TÖZ beim Auftritt der Pariser Les Haricots Rouges

Das TÖZ ist wieder mal ausverkauft. Verantwortlich dafür: Die Jazztage, eine erfVeranstaltungsreihe, die seit 1990 von der Kulturstiftung Kreis Rendsburg-Eckernförde und der Förde Sparkasse mit Leben erfüllt wird. Zwei Konzerte geben die Les Haricots Rouges aus Paris im hohen Norden, und ihr Ruf eilt ihnen voraus. Mit Louis Armstrong haben sie gespielt, Konzerte der Beatles und der Stones oder auch die berühmter französischer Musiker wie Georges Brassens, Jacques Brel, Gilbert Bécaud oder Barbara eröffnet. Dass das bereits 50 Jahre zurück liegt, zeigt nur, wie gut und besonders sie schon damals gewesen sein müssen.

Sechs Männer, erst ein wilder Haufen, springen auf die Bühne, greifen sich ihre Instrumente – wer zuerst kommt, spielt zuerst – und legen los. Aus sechs Instrumenten wird ein Gleichklang, spätestens hier wird klar: Das wird ein toller Abend. Gleich das erste Stück hat alles, Tempo, Groove, New Orleans-Charme und ganz viel Qualität. Mit Piano und Trompete (Mitbegründer Pierre Jean), Posaune (Christophe Deret), Banjo (Roro Congréga), Klarinette/ Sopran Saxophon (Alain Meaume), Bass (Mumu Huguet), Drums (Michel Sénamaud) und keckem Charme wickeln die Musiker ihr Eckernförder Publikum um den Finger. Gisela Heering aus Eckernförde ist das erste, dankbare Opfer für ein Tänzchen unter Freunden, als sie von Deret aus der zweiten Stuhlreihe gepickt wird. Wie ein Fisch in der Eckernförder Bucht scheint sie sich auf der Bühne zu fühlen, sie lässt sich von ihm herumwirbeln, wird in diesem „Menuet fou“ an den Kontrabass weitergereicht, tanzt mit dem Instrument, als täte sie sonst nichts anderes. Herrlich! Der Saal tobt. Dieses Chili ist gleich zu Anfang heiß. Zweites Stück: Alain Meaume hält den Ton nach einem Solo mit Sax oder Armeeklarinette eine gefühlte Stunde lang, da kocht die Suppe über. Der Posaunist schwitzt parallel, ackert, betört mit wunderbar vollem, reinem Klang, übergibt an Piere Jean am Piano, der dann noch mit der rechten Hand seine Trompete zückt.

Diese „roten Bohnen“ sind echte Wunderbohnen, sie ranken sich an diesem Abend zu den Sternen und wieder zurück, mal steigt der Frechste von ihnen, Congréga, einer attraktiven Dame aufs Dach, äh, hust, den Stuhl, und spielt ihr überkopf (das Banjo, nicht er) auf seinem Banjo vor; mal schmachten alle Mann mit Sydney Béchets „Petite Fleur“ einen Punkt im Publikum an, aufgereiht wie die Fußballer zum Gruppenfoto.

Die Stücke des Abends reichen von Boogie über Jazz, von Chanson und Cajun zu lateinamerikanischen Rhythmen, werden dadurch aber nicht beliebig, sondern immer gehalten durch die Klammer von unbändiger Spielfreude und großem Können. In Duke Ellingtons „Caravan“ entledigt sich der Posaunist seines karierten Hemdes, dann des Gürtels, verwandelt den Banjomann in einen Beduinen; Congréga hängt das Hemd dem Pianisten an die Trompete, Jean tupft sich Stirn und Nase damit, wirft es dem Drummer über den Kopf. Der gefriert in seiner Bewegung. Die restlichen Instrumente, nun irgendwie führungslos, spielen verrückt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Schließlich wird der Drummer befreit, die Instrumente finden wieder zusammen.

Manfred Jöhnk, Posaunist bei der Eckernförder Stoker Jazz Band, erkennt neidlos an: „In Sachen New Orleans sind die spitzenmäßig, eine der besten Bands in Europa, würde ich sagen. Und das Posauen-Solo war schon herausragend, mit sehr viel Gefühl.“ Die dreibastigen Showeinlagen seien nicht so ganz sein Fall, was dem Abend aber keinen Abbruch täte.

Sieht man sich die sechs Musiker an, fragt man sich, wie alt einige von ihnen wohl 1963, dem Gründungsjahr, gewesen sein mögen ... Drei? Acht? Die Zeitung „La République“ hat die Erklärung: „In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Gruppe aus insgesamt sechzehn Musikern rekrutiert.“ Aha. Fazit des Abends: Toll, dass es sie noch gibt. Hier lenkt man mit Klamauk nicht von schlechter Musik ab, sondern mit hervorragender Musik von dem Klamauk.

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