Galerie Nemo: 92 Jahre alter Film wieder entdeckt : Neue Musik für japanischen Stummfilm

Iván Ferrer-Orozco verleiht dem Stummfilm mittels seiner Musik eine Spannung.
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Iván Ferrer-Orozco verleiht dem Stummfilm mittels seiner Musik eine Spannung.

Iván Ferrer-Orozco begleitete am Freitag den Stummfilm „Eine Seite des Wahnsinns“ von 1926 mit Neuer Musik. Die Kinovorführung in der Galerie Nemo war zwar skurril, begeisterte aber die Zuschauer.

shz.de von
22. Januar 2018, 05:56 Uhr

Eckernförde | Eine weiß gekleidete Person, das Gesicht zu einer fiesen Fratze verzerrt, springt mit gebleckten Zähnen an eine Reihe von Gitterstäben. Das Schwarz-Weiß-Bild flackert und aus den Lautsprechern dröhnt Musik in bester Hans Zimmer-Manier. Vor der Leinwand sitzen etwa ein Dutzend Erwachsene auf großen Kissen und starren gebannt auf das Geschehen. Wer nun von einem Treffen von Horrorfilmfans ausgeht, liegt falsch. Was dort von einem Beamer an die Wand der „Galerie Nemo“ gestrahlt wird, ist kein banaler Horrorstreifen, sondern große Kunst – und das sogar in zweifacher Hinsicht. Der am Freitag im alten Bootshaus gezeigte Film ist ein lange verschollener japanischer Stummfilm aus dem Jahr 1926 des Regisseurs Teinosuke Kinugasa. Die Aufführung wurde von elektronischer Livemusik des mexikanischen Musikers Iván Ferrer-Orozco begleitet. Der in Madrid lebende Künstler ist nicht durch Zufall in der Stadt. 2017 verbrachte er als Stipendiat des Schleswig-Holsteinischen Künstlerhauses zwei Monate in der Ottestraße. Dort lernte er den Künstler Norbert Weber kennen, in dessen Galerie Nemo der Film gezeigt wurde. Ferrer-Orozco ist ein großer Kenner alter expressionistischer Filme. Durch Zufall stieß er auf den japanischen Stummfilm „Eine Seite des Wahnsinns“ und war sofort begeistert. Der Film spielt in einem japanischen Irrenhaus und erinnert in der Handlung entfernt an den amerikanischen Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest.“ Schnell entstand die Idee, dem Stummfilm mithilfe von Musik mehr Spannung zu verleihen. Das Genre seiner Wahl – die Neue Musik. „Diese Musikrichtung bezeichnet jegliche klassische Musik seit 1945. In der Neuen Musik sind neben altbekannten Streich- und Blasinstrumenten auch elektronische Instrumente möglich“, erklärt Beatrix Wagner. Die Flötistin ist Mitglied des preisgekrönten Eckernförder „ensembles reflexion K“ für Neue Musik, so wie Gerald Eckert, der wie Wagner gespannt ist, wie Ivan Ferrer Orozco sich dem Thema musikalisch genähert hat. Während des etwa einstündigen Films erzeugt Ferrer-Ovozco mithilfe von Laptop und weiteren elektronischen Geräten eine Vielzahl von Tönen und Geräuschen. Viele Passagen hat er schon im Vorfeld komponiert, einige Sequenzen sind jedoch improvisiert. Das Stück ist noch nicht ganz fertig. „Work in progress“, sagt der Künstler. Das Gesamtkunstwerk überzeugt trotzdem. Die musikalische Begleitung verleiht dem sonst komplett stummen Film einen deutlichen Spannungszuwachs und lässt auch die zugegeben etwas verwirrende Handlung verständlicher erscheinen. Nachdem die Leinwand erloschen und die Musik verstummt ist, bedanken sich die beeindruckten Zuschauer mit einem lauten Applaus. Einige lassen es sich nicht nehmen, sich noch einmal persönlich bei Iván Ferrer-Orozco zu bedanken und ihm eine gute Heimreise zu wünschen, denn die Zeit des mexikanischen Künstlers in Eckernförde ist vorüber.

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