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Erinnerungen teilen : Neue Heimat nach der Flucht

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Großes Interesse am Themenabend „Zeitzeugen berichten: Die Nachkriegsjahre in Gettorf“ / Weiterer Termin in Planung

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2015 | 06:00 Uhr

Gettorf | „Sie brauchen die Fahrräder gar nicht erst anschließen – ich kann sie nicht mehr reinlassen. Die Mühle ist voll.“ Hans-Christian Sacht stand am Freitagabend vor der Tür der Mühle Rosa und musste enttäuschte Gäste wieder nachhause schicken. Mit so einem Andrang hatten er und Initiatorin Brigitte Rumpf nicht gerechnet, als sie zu dem Themenabend „Zeitzeugen berichten: Die Nachkriegsjahre in Gettorf“ eingeladen hatten. Rund 80 Menschen hatten sich trotz besten Grillwetters versammelt und erlebten einen spannenden Abend voller Erinnerungen.

Schon bei dem Dokumentarfilm von Kay Gerdes, der die Flucht, die Vertreibung und die Nachkriegsjahre in Schleswig- Holstein beleuchtet, wurde gespannt gelauscht, einige Besucher schmunzelten und nickten immer mal wieder zustimmend. Viele Millionen Menschen hatten sich im Frühjahr 1945 auf den Weg machen müssen. Getrieben von der Roten Armee kamen sie aus dem Osten - aus Pommern, Schlesien oder Ostpreußen. Rund eine Million Flüchtlinge und dazu 300  000 Kriegsgefangene wurden im noch nicht besetzten Schleswig-Holstein untergebracht. In Gettorf suchten zudem noch Kieler Bürger Zuflucht, die ihre Wohnungen bei Bombenangriffen verloren hatten. „Die Einwohnerzahl stieg von 1700 vor dem Krieg auf 4300 an“, berichtet Hans-Christian Sacht (82) und erinnerte sich, wie seine Familie ausgebombte Kieler aufgenommen hatte. In den Baracken, die unter anderem in der Kirchhofallee errichtet wurden, litten die Menschen unter der Enge: Hier lebten fünf Familien mit 20 Menschen in einem Raum zusammen. Es war kalt, die Winter 1946/47 waren lang und hart. Läuse, Flöhe und Wanzen machten den Menschen zu schaffen. Und die Seuchengefahr: Viele starben an Lungentuberkulose, Ruhr oder Erkältungskrankheiten. Jegliche Abwehr war geschwächt, es gab nicht ausreichend Lebensmittel, und auch wenn die Situation auf dem Land besser war als in der Stadt, hatten die Menschen Hunger. „Gartenflächen waren begehrt“, berichtete Sacht. Obst und Gemüse wurde angebaut. „Und Tabak, der Siedlerstolz, heimlich zwischen Stangenbohnen“, so der Gettorfer weiter. Überall seien Kaninchen gehalten worden. „Massenhaft. Sie lieferten Fleisch, Fell und Mist für die Gärten.“ Aber auch Hühner, Gänse und Enten waren beliebt und gut für saftige Braten, Schmalz und Federn für die Betten. Steckrüben waren Hauptnahrungsmittel, aus Kartoffeln wurde Mehl, aus Bucheckern Öl hergestellt.

Trotz der Umstände habe sich Bevölkerung nicht unterkriegen lassen, sagte Sacht und berichtete von Betriebsgründungen und Geschäftsideen, wie den kreativen Schneidern, die aus alt neu machten, einem Tauschhändler und der ersten Müllabfuhr nach dem Krieg. In der Turnhalle gab es eine Badeanstalt. Für 50 Pfennig konnte man sich zehn Minuten in eine lauwarme Badewanne legen. „Das war besser als zuhause in der Zinkwanne. Wir waren vier Gören, und ich war immer der letzte“, erklärte Sacht schmunzelnd.

Die Kindern hatten wenig Berührungsängste, aber Eltern und Großeltern hegten Skepsis gegenüber den Flüchtlingen und versuchten Kontakt zu vermeiden. Diese Ablehnung war in traditionellen Dorfgemeinschaften oft schlimmer als in der Stadt. In Gettorf trug die Arbeit von Vereinen und Verbänden zur Verständigung bei. Der GTV, zum Beispiel, hat bereits 1945 seine Angebote wieder aufgenommen. So kickten Einheimische mit Flüchtlingen oder spielten gemeinsam Handball. Es wurde gekegelt, gefeiert und getanzt. „2,50 Mark mussten wir im den Gasthöfen Eintritt zahlen, im Winter kam man für zwei Stücke Brennholz oder ein Brikett rein“, erinnerte sich Sacht.

Von ihrer Flucht und dem langen Weg in ein neues Leben berichtete Zeitzeugin Ursula Brügmann aus Gettorf. „Ich bin ein Pommernmädchen aus Groß-Jestin“, sagte die 85-Jährige. 1946 musste sie sich auf Weg machen - über gefrorene Felder, mit Oma im Handwagen. In Segeberg habe sie in der Bahnhofshalle geschlafen und sich darüber gefreut, ein Dach über dem Kopf zu haben. „Es war schön – jeder hatte ein Feldbett“. Über Eckernförde ging die Reise für sie weiter bis nach Osdorf in Dibberns Gasthof. „Wir sind gut aufgenommen und versorgt worden“, erinnert sie sich. Als der Vater aus dem Krieg kam, konnte er eine Schuhmacherei in Dänischenhagen pachten. „Und viele Jahre später haben wir in Gettorf eine neue Heimat gefunden“, sagte sie.

„Die Flucht war für uns alle grausam“, erinnerte sich Alida Templin aus Eckernförde. Sie hat auf engsten Raum in der Baracke in der Kirchhofallee gewohnt. Als Kind habe sie guten Kontakt zu den Einheimischen gehabt. Ihre Eltern allerdings hatten es schwerer. Dennoch beklagt sie sich nicht: „Ich hab hier sehr viel Gutes erlebt“, berichtete die 82-Jährige. Christel Bahr (82) aus Gettorf hat sich eine Zeit lang eine schmale Liege in der Baracke mit Alida Templin geteilt. Auch sie hatte keine Probleme sich einzuleben. „Als wir hier zur Schule gehen konnten, gehörten wir eigentlich gleich dazu“, erzählte sie.

Auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind Flucht und Vertreibung noch und wieder aktuelle Themen. Die Spenden, die am Ende des Abend gesammelt wurden, kommen der Tafel zu Gute. Und weil der Abend so ein großer Erfolg war, haben die Organisatoren eine Wiederholung angekündigt.

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