Theater: Beissend witzig bis anstrengend : Neblige Gedanken im heillos absurden Alltag

Kleinkünstler (Patric Welzbacher), Känguru ( Julia Sylvester), Gitarrist Jan Exner und Herta (Markus Penne) (v. l.) wissen „Deutschland den Deutschen – und den brauchbaren Ausländern”.
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Kleinkünstler (Patric Welzbacher), Känguru ( Julia Sylvester), Gitarrist Jan Exner und Herta (Markus Penne) (v. l.) wissen „Deutschland den Deutschen – und den brauchbaren Ausländern”.

Die Burghofbühne Dinslaken spielte am Sonnabend die „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling. Einige der Zuschauer verließen nach der Pause die Stadthalle.

shz.de von
16. April 2018, 06:25 Uhr

Eckernförde | Was war denn das? Die Theatergemeinschaft Eckernförde überraschte am Sonnabend ihre Gäste mit den „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling, inszeniert von der Burghofbühne, Dinslaken. Wie sich in Pausengesprächen heraus stellte, hatten viele Besucher bereits diese ungewöhnlichen Geschichten in einem der drei Kling-Bücher gelesen oder auf CDs gehört. Dort wusste man, welchen Kapriolen man auf der Bühne begegnen würde und – freute sich drauf. Andere machten sich „weich“, fanden es komisch, ziemlich umwerfend oder umwerfend komisch. Horst Kruska meinte, „die Songs sind lustiger als das Stück“, und Joe Ehlers war gespannt, „was das Känguru noch aus dem Beutel holt“. Rosemarie Dröge fand die Schauspieler gut, aber den Inhalt „sehr gewöhnungsbedürftig“. Und dann gab es eine ganze Reihe von Besuchern, die mit dem Stück gar nichts anfangen konnten und in der Pause lieber nach Hause gingen.

Nicht ganz leicht, den Inhalt wiederzugeben – aber etwas steht fest: Ein Känguru (Julia Sylvester) zieht beim Kleinkünstler (Patric Welzbacher) ein, futtert Schnapspralinen und vertritt oberfaul in der Hängematte den unproduktiven Typ. Jan Exner singt und begleitet mit der Gitarre zünftig schräge Liedtexte. Und „Herta“ alias Markus Penne ist nun wirklich umwerfend. Er verkörpert nicht nur die rasante Eckkneipen – Herta im kurzen Lederrock über den staksigen Beinen und mit prallen Sprüchen, sondern „ist“ genauso überzeugend ein Patriot, ein eher selbst schon beknackter Psychotherapeut, ein schleimiger Bankberater, ein gar grässlicher Beamter mit Stempelhingabe und ständigem Brechreiz.

Der Inhalt? Vage. Immerhin wurde eine Struktur angeboten: Man zählte auf der Bühne mit und kündigte jeweils die nächste nummerierte Szene an. In der ersten erfährt man, wie das sprechende Känguru zum Kleinkünstler kam. Lied: „Ich hätt so gern ein Hobby und ’nen Hobbyraum“, Motto „Hobby stiftet Sinn“.

2. Szene: „Wenn ein Metzger einen Salat macht, wird er darum nicht zum Gärtner.“ Und – es gibt ein Recht auf Faulheit und eine not-to-do-list.

3. Szene: In Hertas Kneipe und hoch die Tassen: „ Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zack zack!“ und Prost. Und die Einsicht „Wer säuft, der stirbt. Wer nicht säuft, stirbt auch“ und die Mitteilung „am liebsten von der ganzen Welt tu ich nichts.“ Zwischendurch kommentiert Marc-Uwe Kling aus dem blauen Off. Was folgt in den kommenden Szenen? Das Känguru bei der Arbeitsvermittlung – mit bedenklichem Vorlauf, ein Lied über den toten Rentner Karl Schuster in der Wurst, einen Maler, der „auf die Leinwände kotzt“. Das Quartett singt: „Das war ein Lied über Tod und Wurst und Barbarei, alles in allem war viel Schönes dabei.“ Sprayer gegen Nazi-Parolen, Vermeidung von Fremdwörtern im alten Stil, Korrekturen durchs Känguru und das sprechende Tier dann beim Bürokraten wegen der Aufenthaltsgenehmigung. Ein Lied über „Scheißvereine“. Banken, Arbeitsamt, Sozialdemokraten – alle bekommen ihr Fett ab. Produktiv, egoistisch und reich sein? Steueroasen – „o wie schön ist Panama!“

Das Känguru: „Man darf nie aufhören, alles kritisch zu hinterfragen“, und es gründet die „Jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“ – vier Schauspieler, vier Mitglieder. Das Ministerium für Produktivität will das Känguru reemigrieren. „ Wieso, ich hab doch gar nichts getan!“ „Das ist es ja.“ Tu-Sucht, ein Tu-Zwang, produktiv sein müssen?

Alles ziemlich absurd, ein heilloses Durcheinander, das vieles vernebelt und Spuren verwischt, ist das ein Abbild unserer Zeit? Streckenweise bissig, ironisch, ätzend und witzig – gnadenlos übertrieben, aber real? Und was meint die Hauptperson? „Ich bin ein sprechendes Känguru und scheiß auf die Realität.“


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