Interview : Naturlyrik wichtiger denn je

Wilhelm-Lehmann-Preisträgerin Ulrike Almut Sandig.
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Wilhelm-Lehmann-Preisträgerin Ulrike Almut Sandig.

Wilhelm-Lehmann-Preisträgerin Ulrike Almut Sandig spricht mit der Eckernförder Zeitung über die Bedeutung moderner Lyrik . Naturlyrik Wilhelm Lehmanns ist wichtiger denn je.

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06. März 2018, 06:45 Uhr

Eckernförde | Die in Berlin lebende Lyrikerin Ulrike Almut Sandig (38) hat den mit 10 000 Euro dotierten Wilhelm-Lehmann-Literaturpreis 2018 gewonnen (wir berichteten). Die in Eckernförde ansässige Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft wird ihr am 5. Mai im Rahmen der Wilhelm-Lehmann-Tage den hochdotierten und renommierten Preis überreichen. Die Eckernförder Zeitung hat sich mit der Preisträgerin vorab über ihre schriftstellerische Arbeit, Wilhelm Lehmann und ihren Bezug zu Eckernförde unterhalten.

Ihr jüngster Gedichtband trägt den Titel „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“. Verraten Sie uns, wie man auf solch einen Titel kommt?

Ulrike Almut Sandig: Das ist eine Zeile aus einem Gedicht. Das Gedicht hieß auch ursprünglich so, hat aber nun den ebenfalls langen Titel „Ich bin der Schatten zum sich drunter Verstecken“. Das bezieht sich auf die literarische Vorlage von Annette von Droste-Hülshoff „Am Turme“. Darin fordert sie die Freiheit einer weiblichen Dichterin ein. Darum geht es mir als Frau des 20. und 21. Jahrhunderts auch in meinen Gedichten. Dieses Gedicht habe ich in Frankfurt vorgelesen. Mein Verleger Klaus Schöffling meinte: „Du, dieser Titel, so nennen wir unser nächsten Buch!“ „Du, Klaus, das ist so lang, das kauft kein Mensch.“ „Ist doch egal, ist doch ein Gedichtband, machen wir trotzdem!“ „Der Titel passt noch nicht mal aufs Cover.“ „Egal, dann machen wir das Buch ein bisschen größer.“ Der wunderbare Verleger hat also mehr Mut bewiesen als seine eigene Autorin.

Kollegen von mir haben sich bereits sehr lobend über Ihre Lyrik geäußert. Können Sie uns in wenigen Sätzen sagen, worum es Ihnen in den Gedichten geht?

Das kommt immer aufs Buch an. Ich arbeite immer stärker konzeptionell. Beim letzten Band „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ ging es darum, in den Gedichten eine politische Sprache zu entwickeln und sie mit dem Diskurs über das Zeitgeschehen, Flüchtlingsfragen, die Umstrukturierung unserer Gesellschaft und wie wir Politik überhaupt wahrnehmen, zu verknüpfen. Die andere Ebene sind die Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm. Auf diesen beiden Säulen ruhen sehr viele Gedichte in diesem Band. Die Texte der Grimmschen Hausmärchen fingieren eine Hörbarkeit im Sinne der Romantik. Die meisten Märchen beruhen auf schriftlichen Vorgaben. Jacob Grimm hat diese verschriftlichten Märchen literarisiert, indem er versucht hat, einen mündlichen Ton hineinzubringen. Da steckte ein ganz starker ästhetischer Wille dahinter. Diese Schnittstelle zwischen Hörbarkeit und Schriftlichkeit eines Gedichtes interessiert mich. In sprachlicher Hinsicht haben mir diese Texte geholfen, über die Gegenwart meiner sprachlichen Kultur und meines Landes nachzudenken. Es sind harte Sachen passiert. Wie sprechen wir darüber in einer Lyrik- und Literaturszene, in der politisches Sprechen lange verpönt war?

Was bedeutet Ihnen der Wilhelm-Lehmann-Preis?

Zum einen eine Erleichterung in materieller Hinsicht. Ich schreibe genau wie Wilhelm Lehmann nicht nur Gedichte, sondern auch Prosa. Ich habe bisher aber noch keine Romane geschrieben. Das bedeutet: Ich kann vom Buchverkauf selbst nicht leben. Daher muss ich zu 100 Prozent von meiner Performance-Dichtung auf der Bühne leben. Ich bin das ganze Jahr unterwegs. Eine Summe von 10 000 Euro bedeutet, dass ich deutlich öfter zu Hause bleiben kann, um wieder zu schreiben. Ich kann mir ansonsten nicht ein paar Monate freischaufeln, um an einem Roman zu arbeiten. Und im Moment sitze ich an einem Roman, auch dank eines Stipendiums in der Bamberger Villa Concordia. Dank des Wilhelm-Lehmann-Preises kann ich den Roman nach meiner Bamberger Zeit weiterschreiben.

Kennen Sie den Norden?

Ja, vor ein paar Jahren war ich sogar mit einer Leseperformance schon einmal zu Gast bei den Wilhelm-Lehmann-Tagen in Eckernförde, das war 2015. Ich hatte damals drei hochinteressante, wundervolle Tage in Eckernförde und habe mich an einer Autoren-Ausstellung beteiligt. Ich habe mich dort auch wieder mit den Gedichten von Wilhelm Lehmann beschäftigt. Ich bin mit seinen Gedichten vertraut, mit seiner Prosa gar nicht. Ich kenne und schätze seine Gedichte schon sehr lange und halte sie für sehr wichtig. Gerade jetzt. Im englischsprachigen Bereich spricht man von „nature writing“ im Zusammenhang mit Naturbedrohungen. Das ist was ganz Modernes und Dringliches. Im deutschsprachigen Raum hat Naturlyrik einen etwas angestaubten Ruf, das ist sehr schade, weil es sehr viele Autoren gibt, die sich explizit darauf beziehen. Wie Jan Wagner oder Mikael Vogel in Berlin, der im Frühjahr seinen 252-seitigen Band „Dodos auf der Flucht“ mit Naturlyrik herausbringt, den ich auch sehr gerne nach Eckernförde bringen würde. Es gibt eine Szene von aktueller, hochinteressanter Dichtung, die sich auf Autoren wie Wilhelm Lehmann bezieht. Ich bin stolz, mich in diese Tradition stellen zu dürfen. Lehmann konnte sehr genau sein und gleichzeitig trotzdem metaphorisch. Das ist eine große Leistung. Er hat als Kind seiner Generation unbeschönte, klare Verse geschrieben. Gleichzeitig ist er mit seiner sprachlich absolut verkürzten Form sehr modern.

Das Preisgeld in Höhe von 10000 Euro ist ja sehr beachtlich. Welchen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach der Wilhelm-Lehmann-Preis in der Literatur?

Die Literaturszene orientiert sich nicht an Preisgeldern. Wir haben manchmal wichtige Preise, die sind nur mit 1000 Euro dotiert. Aber der Wilhelm-Lehmann-Preis ist auf jeden Fall bekannt, in der dichtenden Szene jedem, der es mit Ernsthaftigkeit betreibt.

Sehen Sie sich da durch die Liste Ihrer Vorgänger in der Qualität bestätigt?

Dass Leute wie Ann Cotten dabei sind, die zu lesen viel Arbeit bedeutet, tut diesem Preis extrem gut. Die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft vermittelt den Lesern: „Lesen Sie diese Gedichte, auch wenn sie unbequem sind, lesen Sie nicht nur das, was sich gut verkauft.“ Das prägt einen guten Ruf.

Was verbindet Sie mit Eckernförde?

Dieser Besuch vor ein paar Jahren verbindet mich mit Eckernförde. Ich war mit meiner Familie im Stadthotel untergebracht. Mein Freund Sebastian Reuter, mit dem ich auch Musik mache, und unsere Tochter waren mit dabei. Es war sehr angenehm, weil wir uns sehr willkommen gefühlt haben. Zum anderen habe ich auch die Stadt genossen. Ich bin Sachse, Eckernförde ist für mich eine exotische Stadt – die Architektur, die Bucht und das Noor, die Kultur und die Sprache. Eckernförde ist so klein, aber gleichzeitig nicht piefig – ein schöner Ort.

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