Seltene Stranddisteln sind verloren : Natur-Frevel in Aschauer Lagune

Fassungslos hält Wolf-Rüdiger Stephan die entfernten Stranddisteln in Händen.
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Fassungslos hält Wolf-Rüdiger Stephan die entfernten Stranddisteln in Händen.

Unbekannte reißen 33 Stranddisteln aus und schneiden sie ab. Der NABU-Referent Wolf-Rüdiger Stephan ist empört und erstattet Anzeige bei der Polizei

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04. Juni 2015, 06:17 Uhr

Aschau | Eine schmerzliche Entdeckung musste NABU-Referent Wolf-Rüdiger Stephan vor wenigen Tagen während seines Kontrollgangs im FFH-Schutzgebiet (Flora-Fauna-Habitat) von Aschau-Kronsort machen: 33 Exemplare der seltenen und streng geschützten Stranddistel waren ausgerissen oder kurz unter der Erdoberfläche abgeschnitten worden. „Das ist Zeichen von grausamer Zerstörungswut“, zeigt sich Stephan erschüttert. Das älteste Exemplar des Strandmännertreus, wie die Stranddistel auch genannt wird, sei etwa 30 Jahre alt gewesen und ragte in diesem Jahr erst wenige Zentimeter aus dem Boden. Die jüngste Pflanze zählte fünf Jahre. Stranddisteln können sehr alt werden, erklärt der 74-Jährige, „Die älteste Pflanze, die ich je festgestellt habe, befand sich auf der Düne von Nord-Aschau und ist kürzlich 50-jährig eingegangen.“ Um die Stranddisteln in Süd-Aschau vor Mountainbikern und Reitern zu schützen, hatte Stephan die Pflanzen mit Geröllsteinen umhegt.

Im Jahr 1977 unternahm Wolf-Rüdiger Stephan im Rahmen seiner Arbeit für den Bund für Vogelschutz (heute: NABU) die ersten Stützungsversuche in Aschau mit dem Restbestand der Stranddistel. Schon damals schützte er die Altpflanzen mittels Steinbegrenzungen gegen Beschädigungen durch Vertritt, darüberhinaus legte er Saatflächen an. Diese brachten allerdings keine Erfolge hervor. 2001 startete Stephan den zweiten Versuch: In seinem Garten pflanzte er Blumentöpfe, gefüllt mit Strandsand und Stranddistel-Samen. Diese goss und düngte er, bis aus den Keimlingen Jungpflanzen mit einer Wurzeltiefe von 20 Zentimetern geworden waren. Die anschließende Auspflanzung im Artenschutzgebiet Aschau-Kronsort bedeutete großen Einsatz, erklärt Wolf-Rüdiger Stephan heute: „Es war Juli. Ein Umpflanzen in dieser Zeit bedeutete eine furchtbare Wasserschlepperei. Dazu mussten die Jungpflanzen mit Kükendraht gegen Kaninchenfraß geschützt werden.“ 2002 legte Stephan darum in Süd-Aschau ein Saatfeld an. „In Süd-Aschau gibt es nicht so viele Kaninchen. Ein Kreis von Feuersteinen um die Jungpflanzen herum genügte schon. Und die Strandbesucher respektierten die Flächen größtenteils“, erinnert sich Wolf-Rüdiger Stephan. Heute verzeichnet der Stranddistel-Freund in Südaschau etwa 40 bis 50 Pflanzen, in Nordaschau sind es ungefähr 20 Exemplare. Nun steht Wolf-Rüdiger Stephan fassungslos an den Steinkreisen im FFH Gebiet Aschau-Kronsort, die bis vor wenigen Tagen die Stranddisteln schützen sollten. Die ausgerissenen und ausgestochenen Pflanzen liegen verteilt auf dem Boden. „Das zu sehen, schmerzt“, sagt Stephan. „Ich begreife es nicht. Die Stranddistel ist eine stark bedrohte Art. Und eine Augenweide. Sie ist eine wunderschöne Pflanze. Sie ist ein Magnet für Insekten, insbesondere Falter.“ Wer die Stranddisteln so gezielt entfernt und warum er das getan haben könnte, weiß der NABU-Referent nicht. „Ich kenne die Ursache dafür nicht. Vielleicht haben die Steine ja herausfordernd gewirkt.“ Unter anderem durch die Sperrung des früheren europäischen Fernwanderweges seien Spannungen aufgekommen. Wolf-Rüdiger Stephan hat nun bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt erstattet und erhofft sich davon, dass die zuständigen Behörden aktiv werden. Eine Begehung der Dünen sei lange schon fällig, sagt Stephan. Gemeinsam mit Vertretern der Unteren Naturschutzbehörde, der Gemeinde und des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz müsse eine einvernehmliche Regelung zum Schutz des FFH gefunden werden. „Ich habe erlebt, dass Leute im Sommer ihre ferngesteuerten Autos durch die Dünen haben fahren lassen. Mitten durch die Gelege der Seeschwalben.“ Ein Wanderweg vorbei an den sensiblen Stellen des Gebietes könne Abhilfe schaffen.

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