zur Navigation springen

Natürliche Bild-Wirkung statt innovativer Sehanweisung

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Über die Kunst, ein realistisches Bild mit ästhetischem Anspruch und gestalterischer Freiheit zu malen

von
erstellt am 24.Feb.2015 | 06:38 Uhr

Konzertbesucher lieben Musik, und Galeriebesucher schätzen das Sehen. Doch das Sehen wird zunehmend schwieriger, zumal die Fähigkeit, sich in Ruhe etwas anzusehen, zunehmend verloren geht als Folge eines an bewegte Bilder gewöhnten Sehverhaltens; es behindert das geduldige, ungestörte Anschauen. Ruhende Bilder, Gemälde, bieten die Möglichkeit, sich der Unruhe zu entziehen, die Eindrücke auf sich wirken zu lassen und dabei auch noch neue Sehgewohnheiten einzuüben.

Leonardo da Vinci lehrte seine Zeitgenossen: Der Mensch, ein Augenwesen, braucht das Bild. Ein Bild transportiert nicht nur sichtbare Eindrücke, sondern ebenso Emotionen. Die Kirchenoberen des Mittelalters wussten, warum sie Kirchen mit realistisch anmutenden Bildern ausmalen ließen.

Das Abbilden des Realen geriet in der jüngeren Vergangenheit in Verruf durch politisch- ideologische Forderungen völkischer oder sozialistischer Prägung. Der Realismus in der Malerei wurde nach dieser Periode auch nur dann akzeptiert, wenn er sich als moralisches Menetekel anbot. Für die heutige „Künstler-Avantgarde“ gelten jedoch Phantasie, Spielvergnügen, Abstraktions- oder Assoziationsvermögen mehr als der künstlerische Gehalt in der Realität. Doch die Ansichten ändern sich.

Malen wie Zeichnen vor der Natur erfordern handwerkliche Techniken. Die müssen erlernt und zur eigenen Handschrift vervollkommnet werden. Vermeintlich innovative Formen in der Malerei übergehen diese Voraussetzung, wobei Bildtitel keine Darstellung ersetzen und die verlangten Preise eher an eine Börsennotierung erinnern. Stellt der Künstler innovative Bilder her - aus welchen Gründen auch immer - und das vorrangig nur für sich, dann bleibt auch deren Deutung sein Geheimnis. Das jedoch hindert keinen „Kunstexperten“ daran, ein solcherart gestaltetes Bild girlandengleich zu interpretieren und auf diese Weise dem Bild eine Sehanweisung anzuhängen. Uber diese Anmaßung spottete seinerzeit der Simplicissimus: „Die Umschichtung sinnlich wahrgenommener Außenwelt beschwingt den Gestus des Pinsels zum Ausdruck des Geschauten, bringt Gestaltung leuchtender Kurven und Reflexe zur Form an sich“. Auch diese Bilder wirken - auf Sammler oder auf jene, die glauben, sich mit den Bildern schmücken zu müssen, Kennerschaft vorgebend.

Der Münchner Merkur zitierte Picasso mit den Worten: „Ich selbst habe.. . die Überfeinerten, die Reichen, die Müßigen. . . befriedigt mit meinen wechselvollen Schrullen. . . und je weniger sie begriffen, um so mehr bewunderten sie mich. . . Ich bin bloß ein öffentlicher Spaßmacher. . . der die Gier seiner Zeitgenossen ausgenützt hat.“ Nicht zu vergessen: Picasso war ein begnadeter Zeichner des Realen.

Der Realismus in der Malerei will dagegen in der sichtbaren Wirklichkeit auf eine besondere darin enthaltene Ästhetik hinweisen. Die so abgebildete Wirklichkeit hält sich zwar an die äußere Richtigkeit, sie schränkt die gestalterische Freiheit des Künstlers aber keineswegs ein.

Die kleinen, oft übersehenen Dinge ins Bild gesetzt, erzeugen dabei eine erstaunliche Wirkung. Das so herausgestellte Detail erhält durch seine Darstellung eine besondere Wertschätzung, weil seine vergängliche Anmut bleibt. In der Natur lässt sich, bewusst hinschauend, viel Neues wie Erfreuendes entdecken.

Bilder verführen Betrachter dazu, sich mit den eigenen Empfindungen auseinanderzusetzten und das ohne erläuterndes Beiwerk. Dabei zeigen Körperhaltung und Mienenspiel, dass die Bilder etwas bewirken - wobei Desinteresse auch zu einer Bild-Wirkung zählt. Jeder Betrachter reagiert auf seine Weise.

Mit dem Innehalten öffnet sich das Geheimnis des Realen eines Bildes - nur noch vergleichbar mit der Musik.


Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen