Nasen-Amputation in der Kirche St. Nicolai

Ausschnitte aus dem Gestühl der Familie Rantzau in St. Nicolai.
1 von 3
Ausschnitte aus dem Gestühl der Familie Rantzau in St. Nicolai.

Rätsel Nr. 3: Bisher wenig beachtet: Nahaufnahmen machen „historische“ Verstümmelungen deutlich

shz.de von
05. Mai 2018, 15:21 Uhr

Das Rantzau-Gestühl, eine bedeutende Schnitzarbeit von 1578, prägt den hinteren Bereich der Bankreihen in Eckernfördes St.-Nicolai-Kirche. Stifter ist die Adelsfamilie Paul und Beate Rantzau, als Bildhauer wird ein Cyriakus Dirkes genannt. Auf den Rückenlehnen der Bänke sind die Familien der Stifter zu sehen, aufgebaut wie eine militärische Formation: Paul Rantzau mit seinen neun Söhnen und Beate, geborene Sehestedt, mit sechs Töchtern. Die übrigen Felder am Gestühl sind mit Wappen und Schmuck-Motiven der Renaissance gefüllt. Die Holzschnitzerarbeit ist mehrfach umgesetzt worden; laut Angaben der Restauratoren hat sie jetzt wieder die endgültige Form.

Die vielköpfige Familie ist in der Tracht der Zeit dargestellt, die Damen mit Oberteilen aus Samt, mit langen Röcken, kunstvoll geformten Hauben, mehrfach um den Hals gelegten Schmuckketten; die Herren mit Degen, Helm-artiger Kopfzier, eng anliegendem Beinkleid. Erst in den vergangenen Monaten ist Betrachtern der Holzreliefs aufgefallen, dass den Figuren auf der linken Seite die Nasen fehlen. Erst fotografische Nah-Aufnahmen machen diesen Verlust deutlich. Eine auf der Hand liegende Erklärung, „in 500 Jahren ergeben sich eben Gebrauchsschäden am Gestühl“, kann nicht gelten, denn selbst kleinformatige Tracht- und Schmuckdetails haben die Jahrhunderte unverletzt überstanden – die kräftigen Messerschnitte in den Gesichtern sind in ihrer Art einmalig in Eckernförde.

Wenn wir eine bewusste „Beschneidung“ der Nasen in St. Nicolai für sehr wahrscheinlich halten, liegt die Suche nach historischen Vorbildern auf der Hand. Dabei stoßen wir auf eine Jahrtausende alte Tradition (Fachbegriff „Rhinokopia“): In der europäischen Antike, in islamischen Kulturen, im deutschen Mittelalter bis ins 16., 17. Jahrhundert hinein zeigte man seine Verachtung des Gegners, in dem man ihm die Nase abschneidet – als brutale Verwundung der Person oder zumindest als symbolische Handlung an Porträts aus Stein oder Holz.

Heimatforscher untersuchen derzeit, welche Sippen, Familien, Stifterfiguren in diese Vorstellung hineinpassen. Nicht nur die Rantzau-Familie könnte Gegner gehabt haben, die eine bewusste Verstümmelung leibhaftig einsetzten, auch das holzgeschnitzte Porträt Martin Luthers weist deutlich eine fast zur Hälfte verkürzte Nase auf!





zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen