Nageldeerns und 40 Ratten am Tag

Eine gern gesehene Referentin: Ilse Rathjen-Couscherung (l.) wurde von der Vorsitzenden der Heimatgemeinschaft Dr. Telse Stoy begrüßt.
Eine gern gesehene Referentin: Ilse Rathjen-Couscherung (l.) wurde von der Vorsitzenden der Heimatgemeinschaft Dr. Telse Stoy begrüßt.

Vortrag von Stadtführerin Ilse Rathjen-Couscherung erneut ein Publikumsrenner / Thema: Läden und Stubenläden abseits der Kieler Straße

shz.de von
14. März 2017, 13:10 Uhr

Wenn Ilse Rathjen-Couscherung erzählt, dann kommen sie alle: Am Montagabend entführte die Referentin unter der Überschrift „Einkaufen im alten Eckernförde – Ein Gang durch Läden und Stubenläden abseits der Kieler Straße“ wie immer amüsant und einfühlsam in alte Zeiten. Bei der Veranstaltung der Heimatgemeinschaft Eckernförde im Carls war jeder Platz besetzt, viele Besucher mussten vertröstet werden.

Schnell fanden sich die Gäste in einer Zeit wieder, in der es keine Autos und keine Kühlschränke, aber dafür viele Stubenläden und Geschäfte abseits der Kieler Straße gab. Ilse Rathjen-Couscherung erzählte lebhaft aus ihrer eigenen Erinnerung und den Berichten von Augenzeugen. Es war die Zeit, als die Polizei, das Überfallkommando Kiel und die Kripo in der Gaehtjestraße, noch nach einem Steineschmeißer fahndete und der Bäcker Fischer, der sein Geschäft am Hafen betrieb, ein kleines Café in seinem Haus eröffnete und in den 50er-Jahren ganz fortschrittlich einen Fernsehapparat dort aufstellte. „Das war ein Knüller“, berichtete Rathjen-Couscherung, „natürlich waren es Schwarz-Weiß-Bilder, aber das Gemeinschaftserlebnis zählte.“

Lisa Fischer war damals eine Schönheit und trug gerne Dirndl, die ihren vollen Busen unterstrichen. So kam es zu dem Ausspruch eines kleinen Jungen: „Segg mal warum hest du denn dien Mors baven?“ Passend dazu gab es rosa Strapse und Damenbindenhalter in den Größen 38 bis 48 im Textilkaufhaus Krafft Wolter. Das Geschäft befindet sich mittlerweile in der achten Generation und ist mit über 250 Jahren das älteste schleswig-holsteinische Textilgeschäft in Familienbesitz. Hermann Wolter übernahm 1949 mit Frau Christa das Geschäft. Er ist vielen als Original bekannt. Sein Ausspruch: „Wenn Sie mich rütteln, denn wackelt der Boden, so fest bin ich mit Eckernförde verwurzelt.“ Seine Kinder Hermann und Heike haben viele Erinnerungsstücke bewahrt.

Mit Ilse Rathjen-Couscherung ging es bildhaft durch die Straßen, die Schaufenster der Firma Reico zeigten Eisen- und Haushaltswaren, darunter den „Leuwagen“ (Schrubber). Zur Freude der Kinder zog zur Weihnachtszeit eine beleuchtete Eisenbahn ihre Runden. Der damalige Besitzer Gosch sorgte für stetige Warenlieferungen. Zu der damaligen Zeit gar nicht so einfach, so reiste er weit, um die Ware zu besorgen. Hatte er etwas nicht vorrätig, war seine Antwort stets: „De Wagon is al ünnerwegens.“ So kam er zu seinem Ökelnamen „Wagon“.

Ilse Rathjen-Couscherung ließ noch viele Erinnerungen aufkommen: Wo konnte man Seidenstrümpfe stopfen lassen? Wo gab es Zigaretten stückweise oder Münchhausen-Kaffeebohnen in 50-Gramm-Packungen? In der Frau-Clara-Straße gab es Schlachterei Clausen. Als ehemaliger Lehrling konnte Gottlieb Flügge (87) viel erzählen. Bei Kost und Logie gab es in der Woche eine Mark als Taschengeld bei einer Arbeitszeit von 4 bis 23 Uhr. Flügge kann sich an den steten Kampf gegen Ratten erinnern: So gab es Tage, an denen bis zu 40 Stück mit der Schaufel erlegt wurden.

Bei ihrem Bummel durch die Altstadt nahm Ilse Rathjen-Couscherung ihre Zuhörer aber auch mit in kleine Stubenläden, in denen gewohnt und verkauft wurde. Es ging vorbei an Tante Mia Meys Laden mit den roten Laternen im Fenster und an dem Pralinenladen Gleise, dem man nachsagte: „De sööte Kram warrt in de Waschköök maakt.“ Fischhandlung Büll hatte zeitweise vier Geschäfte in Eckernförde und beschäftigte nicht nur Nageljungs. Ilse Pinn und ihre Freundin Maren verdienten sich als Nageldeerns ein Taschengeld, mit dem sie sich Himbeerbonbons kauften, um die Lippen rot zu färben.

Geschichten über Geschichten – alle liebevoll von Ilse Rathjen-Couscherung erzählt. Der anhaltende Applaus, die vielen anerkennenden Worte und der Gesprächsbedarf nach der Veranstaltung zeugten von hoher Anerkennung für die Referentin. Die Veranstaltung wird am 3. April um 19.30 Uhr in Carls Showpalast wiederholt.

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