Schafschur : Nackte Tatsachen auf den Goosseewiesen

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Wenn Anke Mückenheim den Generator anwirft, fallen kurz darauf alle Hüllen. Die Schäferin ist zurzeit unterwegs, um ihre Tiere zu scheren.

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14. Juni 2014, 06:46 Uhr

Eckernförde | Wenn das Knattern des Generators zu hören ist, dann wissen die Heidschnucken schon: Anke Mückenheim ist wieder da. Und das kann im Juni nur eines bedeuten: Gleich sind alle nackt. Von April bis Ende Juli ist Schurzeit. Dann reist die Schäferin aus Rieseby mit Generator und elektrischer Schere nicht nur zu ihren eigenen Herden, sondern bietet ihre Dienstleistung auch anderen Schafbesitzern an. Gestern war sie auf den Goosseewiesen.

Dort betreut der Naturschutzbund (Nabu) 39 Muttertiere und einen Bock sowie zurzeit 36 Lämmer. Die Tiere gehören zwar Anke Mückenheim, werden aber von den Mitgliedern des Nabu-Ortsvereins betreut. Es ist eine klassische Win-Win-Situation. „Wir können die Tiere als lebendige Rasenmäher einsetzen“, erklärt Nabu-Mitglied Jürgen Schmidt, „und betreuen im Gegenzug die Herde“. Für Anke Mückenheim eine komfortable Situation. Sie vermarktet das Fleisch und die Wolle der Tiere. Insgesamt gehören ihr 250 Tiere.

An diesem Tag geht es den Heidschnucken an die Wäsche. Egal ob Sommer oder Winter – unter ihrem dicken Fellmantel herrschen immer 38 Grad. Ihn könnten sie also auch im Hochsommer tragen, doch schadet es auch nicht, wenn das Kleid fällt. Anke Mückenheim schert in der neuseeländischen Bodenschurmethode. Dazu wird das Schaf mit einem geübten Griff auf den Allerwertesten gesetzt. In dieser Duldungsstarre bewegt sich das Tier kaum, kann die Schäferin seelenruhig die elektrische Schere ansetzen. „In dieser Haltung stellen sich die Tiere automatisch tot, zum Beispiel, wenn ein Wolf oder Hund kommt“, erklärt die 47-Jährige.

12 bis 15 Tiere kann Anke Mückenheim auf diese Weise pro Stunde scheren. 30 Cent erhält sie für ein Kilo Wolle. Das ist nicht viel, denn die Wolle der gehörnten Heidschnucken überzeugt nicht gerade durch hohe Qualität. Drei Kilo Wolle kommen im Schnitt auf ein Tier. Sie wird an ein Unternehmen verkauft, das die Wolle in Indien zu Teppichen verarbeiten lässt. Der Vorteil liegt woanders: „Durch ihr dichtes Fell können die Heidschnucken das ganze Jahr über draußen bleiben“, erklärt Anke Mückenheim. „Und das spart den Stall.“ Ein weiterer Vorteil der robusten Sorte: Die Heidschnucken kommen mit dem geringen Nährstoffangebot der mageren Flächen aus und produzieren trotzdem verhältnismäßig viel Fleisch. Ihre Kollegen von den nordfriesischen Deichen würden im Gegensatz nicht satt werden.

Nach der Schur erhält jedes Schaf von Nabu-Mitglied Karl-Heinz Siebrecht noch eine Pediküre, denn weil der Untergrund auf den 10 Hektar großen Goosseewiesen so weich ist, nutzen sich die Hufe nicht ab – das übernimmt der Nabu.

Und damit der Nachwuchs auch lernt, woher die Wolle kommt, laden Anke Mückenheim und der Nabu jedes Jahr Schulen und Kindergärten ein, dabei zu sein. Gestern waren es unter anderem die Villa Kunterbunt und die Gorch-Fock-Schule, deren Kinder hautnah die Schur der Schafe erleben durften.

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