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Eckernförder Zeitung

12. Dezember 2017 | 15:08 Uhr

Nach Seefahrt und Mounty: Es lockt die Legion

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die abenteuerlichen Pläne des jungen Rolf F. Zimmermann

Eigentlich waren zwei Versuche von Zuhause auszubüxen schon misslungen. Die Seefahrt und mein Traum Mounty zu werden, das hatte ich nun abgeschrieben. Doch das Leben geht weiter.

Wir hielten Lesezirkel. Im Stern eine Serie über Dien Bien Phu. Französische Legion im Einsatz. Das war es. Ich konnte mein Fernweh nicht bremsen. Beschloss nun Legionär zu werden (ich war im zweiten Lehrjahr, wollte eigentlich Elektromaschinenbauer werden). Als meine Eltern morgens im Geschäft waren, Lebensmittel, Bäckerstraße, färbte ich mir die Haare mit Polycolor, schwarz (man würde einen Blonden suchen), schnappte mir 50 Mark, Ausweis, meinen Campingbeutel, und los ging es Richtung Autobahn. Per Anhalter nach Frankreich. Bin in Limousinen und Lastwagen, auf Ladeflächen und Pritschen, auf Motorrädern und in Beiwagen mitgefahren. Auf Autobahnen Bundes- und Landstraßen. Habe bei Schaustellern, Zigeunern, in Pensionen mit Hausierern übernachtet, für die ich an fremden Türen Wäsche verkauft hatte. Habe Karussells und Boxbuden auf- und abgebaut (Schlüter, Köln). Habe mich in Jugendherbergen eingeschlichen, abwartend unter mehrstöckigen Betten gekauert, bis der Herbergsvater das Licht löschte. Habe in parkenden, unverschlossenen Autos, in Schrebergärten, auf Parkbänken, unter Brücken, auf Bahnhöfen und Pissoires übernachtet. Habe mich Pädophilen und 175-ern erwehrt, habe gedurstet und gehungert. Unvorstellbare Sachen gegessen und getrunken. Aber gestohlen habe ich nicht.

Ich wollte möglichst weit ins Binnenland, um nicht einfach über die Grenze abgeschoben werden zu können. Habe es bis Marseilles geschafft, dort hatte ich einen Hänger. Ohne Herbergsausweis hatte ich dort in einer Herberge übernachtet. Besaß aber nur deutsches Geld, welches dort nicht angenommen wurde. Also ließ ich meinen Ausweis dort, um Geld zu tauschen, ihn damit wieder auszulösen. Hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn ohne Ausweis tauschte man mir kein Geld. In meiner Not wandte ich mich an einen Flick, der mir half. In der Schule hatte ich Esperanto erlernt. Für die damalige Zeit war ich damit Weltbürger!

In der Nähe des La Gare war ein Büro der Legion. Da das mit dem Polizisten so gut gelaufen war, wollte ich auch diese Hürde nehmen. Zu meinem Glück war mein Ausweis in der Herberge. Denn das Gespräch, auch aufgrund meines Alters – ich war ja erst 15 –, entwickelte sich ganz langsam gegen mich. Vielleicht wurde ich ja auch schon gesucht (meine Haare waren wieder blond!), denn niemand zu Hause wusste, wo ich war. Also ergriff ich die Flucht. Hatte auf einmal alles vergessen, was ich eigentlich wollte.

Am Frankfurter Kreuz besaß ich noch 10 Pfennig und zehn Brötchen. Auf einem Rastplatz im Bergischen Land schenkte mir ein Tramper eine Dose Corned Beef. Die ist mir nicht bekommen, hatte Wochen kein Fleisch gegessen, habe mich fast totgekotzt. Jetzt weiß ich, wie sich Vegetarier und Veganer fühlen. Zuhause angekommen, waren alle froh, dass ich wieder da war. Im meiner Familie wurde nie über den Vorfall gesprochen. Er wurde einfach totgeschwiegen. Als ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehrte, war dieser unverändert. Der von mir zu reparierende Stator eines mehrpoligen Elektromotors, stand da, wie ich ihn verlassen hatte, daneben die von mir gewickelten Kupferdrahtspulen, Schieblehre, Mikrometer und Zirkel. Hatten 43 Tage auf mich gewartet. Mein Meister wusste, dass ich zurückkehren würde. Nur war mein Urlaub für zwei Jahre dahin.

Jetzt, wo ich selbst Vater und Großvater bin, weiß ich erst, was ich meinen Eltern angetan habe. Doch wenn es dumm käme, würde ich heute noch durchbrennen


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