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Nooröffnung : Mysterium der 25 Muschelhaufen und große Bedenken gegen die Nooröffnung

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Bürgerinitiative „Bauen in Eckernförde“ hat das Noor und die Nooröffnung zum Thema gemacht. Rund 200 Besucher wollten am Montagabend in Carls Showpalast mehr wissen. Sie bekamen viele interessante Informationen zur Entwicklungsgeschichte des Noores.

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erstellt am 09.Apr.2014 | 06:39 Uhr

Das Thema Noor und Binnenhafen zieht. Rund 200 Besucher, darunter auch Vertreter von Parteien, waren am Montagabend der Einladung der Bürgerinitiative „Bauen in Eckernförde“ in Carls Showpalast gefolgt.

Im ersten Teil gab es viel Wissenswertes von Joachim Sebastian von der Heimatgemeinschaft Eckernförde und Noorfischerin Henrieke Mahrt über die Entstehung des Windebyer Noores, Besiedlungsspuren und den Fischbesatz verbunden mit einer deutlichen Warnung vor einer touristischen Nutzung des Noores mit Besucherströmen und Schiffsverkehr. Landeskonservator Dr. Michael Paarmann beklagte die augenblickliche Situation des Denkmalschutzes in Schleswig-Holstein und kritisierte das seiner Meinung nach rückständigste Denkmalschutzgesetz in Deutschland. Er hofft auf die Annahme des jetzt von der Landesregierung angeschobenen neuen Denkmalschutzgesetzes und die Aufhebung der Trennung zwischen einfachen Kulturdenkmälern, die bislang nicht geschützt sind, und Kulturdenkmäler von besonderer Bedeutung mit dem Ziel eines einheitlichen Denkmalschutzes für alle Kulturdenkmäler. Davon gibt oder gab es allein in Eckernförde 134, etwa die Hälfte davon sei aus den 80er Jahren und bereits abgerissen und so „entstellt“, dass sie keine Denkmäler mehr seien, so Paarmann. Ein Teil dieser Gebäude werde wohl auf der Denkmalliste landen. Nach der Pause erklärten die Vertreter der Bürgerinitiative, Herbert Kreis und Wolfram Splittgerber, warum sie den Sinn der „sogenannten“ Nooröffnung anzweifeln und das Projekt kritisch sehen, wobei Splittgerber allerdings die Bebauung der „Industriebrache sehr begrüßte“, insgesamt aber eine stärke Einbindung der Bürger in die Entwicklung und Abläufe des Projekts wünschte.

Mit einer Fülle interessanter Informationen konnte Joachim Sebastian aufwarten. Er ging zurück bis in die Weichseleiszeit, in der das östliche Hügelland durch eine 300 dicke Eisschicht geformt wurde. Durch die Bindung des Wassers im Haupteisschild war die Eckernförde Bucht „eine kleine Rinne“, der Strand zwei bis drei Kilometer weiter seewärts. Bei Baggerarbeiten zum Bau der Torpedoversuchsanstalt wurden Fundstücke „der ersten Eckernförder“ um 6000 vor heute gefunden. In der Abtauphase stieg der Meeresspiegel bis etwa Christi Geburt rapide an – Steilküsten wurden geformt, der Goossee, das Noor und der Hemmelmarker See entstanden und die Nehrung, auf der Eckernförde entstehen sollte, wurde geformt. Um diesen Zeitraum herum dürften auch die insgesamt 25 Muschelhaufen zwischen Noor und Hemmelmarker See entstanden sein. Der größte Haufen war 300 Kubikmeter groß und enthielt eine Unmenge an Mies- oder Herzmuschelschalen, auch Schnecken und Austern waren dabei. Selbst im Windebyer Noor soll es „mindestens drei Muschelhaufen“ geben, warf Henrieke Mahrt ein. Insgesamt sind Abfallhaufen in einer Gesamtkapazität von 1200 Kubikmeter nachgewiesen, berichtete Sebastian, der von „einem Mysterium“ sprach. In die Zeit der Muschelhaufen fiel auch die Bestrafung des Jungen oder Mädchens von Windeby, der oder die jetzt als Moorleiche in Gottorf „Karriere“ macht. Geschichtsträchtig ist das Noor auch wegen des Ausläufers des Danewerks, des Osterwalls. Das Sperrwerk der Wikinger erstreckt sich nördlich von Kochendorf bis nach Haithabu und ist noch heute sichtbar. Bemerkenswert sei das Noor auch wegen seiner 150 Biotoptypen. Sebastian, der das Noor als „Perle“ bezeichnete, blickt nun gespannt auf die Ausschachtung für das Parkhaus am Burgwall – dort hat früher am Fuße der Furt über die Ostsee, eine Burg gestanden.

Henrieke Mahrt hat für die Nooröffnung überhaupt nichts übrig. „Es graust mir vor dem, was die Stadt vorhat“, sagte die Noorfischerin.Das Noor als Gewässer und Naturraum müsse geschützt werden, jegliche weitere Störung durch Wanderer oder Ruder- und Tretboote müsse unterbleiben. Die vielen Fischarten, darunter der äußerst seltene und nahezu ausgestorbene Süßwasserhering, der sonst nur noch in zwei finnischen Seen vorkomme, die beiden Seeadlerpaare und die übrige Vogelwelt reagierten hochsensibel auf Eingriffe. Überhaupt, so Mahrt, dessen Familie seit 60 Jahren das sehr arten- und nährstoffreiche Noor befischt, handle es sich um ein stehendes Gewässer. In Hitzeperioden werde der Nooröffnung der Sauerstoff entzogen. „Es wird anfangen zu stinken, es werden sich Algen bilden und auch die Stechmücken werden sich dort ausbreiten.“

Aktivist Herbert Kreis, designierter Ratsherr des Bürger-Forums, ist überzeugt: „Wir haben Wasser wie Sand am Meer – wir brauchen keinen Teich auf der Industriebrache.“ Nicht vorstellbar sei auch der Bau von hohen Packhäuser an der Gaehtjestraße. Kreis befürchtet zudem wegen der höheren Verkehrsdichte im Bereich Mühlenberg, Gaehtjestraße, Noorstraße „Staus ohne Ende“, auch die Feuerwehr werde große Probleme bekommen. Sein Rat: Die Nooröffnung müsse verkehrstechnisch neu überdacht werden. Wolfram, Splittgerber schlug versöhnlichere Töne an, setzte sich aber gleichwohl kritisch mit dem Projekt auseinander. Die Höhe der Packhäuser und der immense Erdaushub für die Nooröffnung beschäftigten ihn ebenso wie der Wunsch an die Stadt, die Bürger stärker einzubinden, und der Appell an die Bürger, in größerer Zahl die Ausschuss- und Ratssitzungen zu besuchen. „Da müssen wir uns einmischen“.

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