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Kulturprogramm : Mit Tanz und Theater durch die Nacht

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Dritte „Lange Nacht“ wurde ein großer Erfolg und sah viele begeisterte Besucher

shz.de von
erstellt am 17.Nov.2014 | 06:00 Uhr

Das Kulturleben an der Eckernförder Bucht boomt und bringt viel Licht und Spaß in die dunklen Novemberabende. Nach zwei Wochenenden im Zeichen von Literatur und Kunst stand der vergangene Sonnabend nun ganz im Zeichen von Tanz und Theater.

Tanzen in der Galerie 66 entführte in südliche Gefilde: Salsa, Tango und Bilonga standen auf dem Programm. Der Tanzclub Eckernförde zeigte mit Könnern und Tanzschülern, wie es geht, bot eine Menge Hintergrundwissen und riss die Gäste mit heißen Rhythmen und leidenschaftlichen Schrittfolgen richtig mit. So sehr, dass im Anschluss erstaunlich viele mutig waren und selbst den Tango probten. Während der Show führte Thomas Fabian, Vorsitzender des Tanzclubs, seine Tänzerinnen mit Grandezza – elegant, gekonnt, mit unverkennbar vergnügt – genießerischem Lächeln.

Ein hochvergnügter Genuss erwartete auch die Programm-Bummler, die sich im „Spieker“ einfanden. Hier konnte man Mini-Theater im Großformat erleben. Mini die Ausstattung, umwerfend groß – und gar nicht artig das Können der beiden Darsteller. Während Akkordeonist Thomas Denker sein Instrument passend zu den Textpassagen von Sibylle Maria Dordel einsetzte, mit Tango, jiddischem Liedgut und Musettewalzern die ohnehin sehr emotionale Atmosphäre noch zusätzlich sehr gefühlig aufheizte, war er die perfekte Ergänzung zum verbalen und gestischen Geschehen. Hier prunkte und prangte eine Frau, die alle mitriss: Zunächst verkörperte Sibylle Maria Dordel eine verkümmerte ältliche Frau mit letzten, bleichen Lebensfunken unterm Kompotthut. Grau-beige, vom Gatten betrogen und verlassen, hat sie herzergreifend resigniert, ist jeglicher Lust und Zukunft abgeneigt. In ihren Texten - öfter auch in Gedichtform – blitzt immerhin dann und wann noch ein Fünkchen Erotik auf (zwei verliebte Schweine in Schweden). Auch lässt sie die Erinnerung an Tom in Göttingen leise lächeln.

Nach der Pause dann die ganz große Überraschung: Die namenlose Frau kommt hereingestürmt in Rot und Schwarz, hautenges Kleid, high heels und – sehr sexy. Gab es im Trauer-Extrem noch kalten Tee, so sind jetzt die Champagnergläser gefüllt, war zunächst noch alles auf tiefe Falten, müde Ordnung, öde Anständigkeit reduziert, knallt nun das lustvolle, sinnliche Leben. Sie räkelt und schlängelt sich, gibt intime Geheimnisse aus ihrer Liebe zu Tom dem Eisenkünstler (Ferrorist) frei, offenbart erotische Fantasien („Abends wenn ich schlafen geh, 14 Männer ich um mich seh ...“), demonstriert mit eigenen Texten und im Sinne von Kästner und Villon, wie wandelbar ein Frauenschicksal sein kann. Grenzenloses Amüsement in der Zuschauerschaft, begeisterter Zwischenapplaus, ein französisch gesungenes „Alors venez my Lord“ ... Da taut selbst der spröde Akkordeonist noch auf, lässt sich becircen, kann auch nicht mehr widerstehen. Ja, ein unwiderstehliches Angebot, sich auf eine nachdenkliche, melancholische, aber auch knackig lebenslustige, mit allen Wassern gewaschene Frau einzulassen. Stimme aus dem Publikum: „Die möchte ich gleich noch ’mal sehen.“

Und noch etwas bietet sich zu einem zweiten Erleben geradezu an: „Goethes Faust in 45 Minuten“ - unerhört, so nie gesehen, kaum zu toppen. Die Kieler Stadtbekannten (bundesweit bekanntes Straßentheater seit 1988) kredenzten „Goethes Fäustchen“ in der drangvollen doch gemütlichen Enge des Schleswig-Holsteinischen Künstlerhauses. Kennen wir alle „Faust“ , den ersten Teil? Sind uns die zahlreichen Zitate in den täglichen Sprachgebrauch eingewachsen? Hier im „Straßentheater“ war nichts hoch und hehr, nicht bedeutungsschwanger aus der oberen Schublade deutscher Literaturbildung. Hier ging es lustig zu, hier wurde locker angedeutet, abgekürzt und frech zusammengestrichen. Mit der Wahnsinnsspielfreude von Jürgen Schalla (Faust, Marte, Bruder, Engel...), Annette Braak (lispelndes Gretchen, Schüler, Hexe ...) und einer unvergleichlichen Gabriele Pahms als Mephisto gab es ein „Fäustchen“ der herrlich-grotesken Art. Das Publikum bog sich vor Lachen und genoss die aktuelle, völlig überzogene Neuinszenierung des ernsten Stoffs. Gabriele Pahms war in der Ausgestaltung ihrer Mephistorolle – listig, lustig, schadenfroh, wütend – so göttlich, hatte so viel liebenswerten Schalk, dass dem Teufel an diesem Abend sicherlich neue und frisch angezündete Fans zuwuchsen.

Ganz unvergesslich wird dieser skurrile Spaß bestimmt auch für Zuschauer Frantz Bruhns sein. Man verpflichtete ihn kurzerhand – wohl wegen seiner eindrucksvollen Erscheinung – zum Erdgeist mit sieben Worten Text. Prima verkleidet erhielt auch er herzlichen Anerkennungsapplaus und nach der Vorstellung eine handgezeichnete Urkunde (Schalla: „... für über’n Fernseher“) Da lachte sich der Geist ins „Fäustchen“.

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