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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2017 | 05:21 Uhr

Unterwegs : Mit Stenz und Deckel auf der Walz

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Dachdeckergeselle Sven Drews aus Sörup macht Station im Ostseebad / Drei Jahre und einen Tag muss er seinem Heimatort fernbleiben

shz.de von
erstellt am 10.Mär.2016 | 06:18 Uhr

In ihrer Kluft mit dem Deckel (Hut), der Weste, Jacke und Schlaghose und dem spiralförmigen Wanderstock (in der Gesellensprache Stenz) fielen sie auf, die beiden Dachdeckergesellen, die vorgestern auf ihrer Wanderung Station im Ostseebad gemacht haben. Ihr Weg führte sie von Tolk nach Eckernförde, wo sie über Nacht blieben, um gestern weiter nach Kiel zu wandern. Nur mit dem Nötigsten versorgt, was Platz in ihrem Leinentuch (in der Gesellensprache Charlottenburger) findet. Ein wenig Wechselwäsche, eine zweite Kluft, einen Schlafsack, das eigene Werkzeug, die Zahnbürste in der Hosentasche. Es gibt ihn noch, den alten Brauch der Handwerker aus dem 16. Jahrhundert, dass die Gesellen für drei Jahre und einen Tag auf die Walz gehen. Sven Drews aus Sörup (Angeln) hat vor vier Tagen seine Walz begonnen. Begleitet wird der Dachdeckergeselle von Connor Rhode (23) aus dem niedersächsischen Mellendorf. Der 23-Jährige begleitet den 26-jährigen Neuling in den ersten drei Monaten als Exportgeselle.

„Ich unterstütze Sven und weise ihn in unsere Regeln ein“, erklärt Connor, der bereits seit zweieinhalb Jahren auf der Walz ist und gerade aus Spanien zurückgekehrt ist. Kennengelernt haben die beiden sich in Dresden auf einem großen Treffen der Schächte, der Vereinigungen der Handwerksgesellen. Während seiner Wanderjahre darf Sven die Bannmeile, 50 Kilometer um seinen Heimatort Sörup, nicht überschreiten. Leicht sei ihm der Abschied nicht gefallen, räumte der Vogtbursche ein. Auch an die vergleichsweise harten Bedingungen müsse er sich erst noch gewöhnen. „Wir dürfen kein Geld für Unterkunft und Reisen ausgeben“, sagte Connor. Das Reisen per Anhalter ist erlaubt. Die Gesellen sind auf offene Menschen angewiesen, die ihnen kostenlos Schlafplätze zur Verfügung stellen. Das kann der Vorraum einer Bank, der Schuppen eines Bauern oder auch ein Carport sein. Bei diesen Temperaturen noch gewöhnungsbedürftig für Sven. Aber er ist guten Mutes. Noch ist er ein Freireisender. Hat er die ersten drei Monate durchgehalten, darf er eine Vereinigung der Handwerkergesellen wählen, der er angehören möchte. In seinem linken Ohr trägt Sven einen Ohrring, der auch heute noch traditionell mit einem Nagel ins Ohrläppchen geschlagen wird.

Connor ist Mitglied des Fremden Freiheitsschachts. Das rote krawattenähnliche Band (genannt Ehrbarkeit) zeichnet ihn als Mitglied dieser Vereinigung aus. Zwar unterscheiden sich die Schächte durch verschiedenfarbige Ehrbarkeiten und Bräuche, aber allen gemeinsam ist das Recht auf freie Gesinnung, selbstbestimmtes Arbeiten und freies Reisen. Im ersten Jahr darf Sven sich in Deutschland und den Nachbarländern unterwegs sein. Im zweiten Jahr erweitert sich der Kreis auf ganz Europa und im dritten Jahr darf er weltweit auf der Walz sein. „Wir dürfen aber nie länger als drei Monate an einem Ort sein“, so Connor. Drei Ziele verfolge jeder Geselle auf seiner Wanderung: Die Welt zu bereisen, sich persönlich weiter zu entwickeln und die handwerklichen Künste zu verbessern. Aus diesem Grund trägt jeder sein eigenes Werkzeug bei sich: eine Haubrücke, einen Schieferhammer und eine Säge.

Ohne Handy, nur nötiges Kleingeld für Essen und Trinken bei sich, eine Landkarte zur Orientierung, die vielen Kilometer zu Fuß, der Verzicht auf jeglichen Luxus – findet das noch Anhänger unter jungen Menschen? „Der Trend geht wieder hin zu Wandergesellen“, so Connor. Freiheit und Ehre seien wieder Begriffe, mit denen sich junge Leute identifizieren könnten – so auch Sven Drews aus Sörup.

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