Mit Siegfried Lenz in der Stadt Wilhelm Lehmanns

Lenz lauscht Lehmann’s Erzählungen.
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Lenz lauscht Lehmann’s Erzählungen.

Eine innere Begegnung mit dem großen Literaten, der einst in Eckernförde Wilhelm Lehmann traf

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28. Juli 2015, 14:21 Uhr

Habe ich einen Wunschring? Einmal drehen und etwas wünschen? Wenn ja, habe ich einmal kurz gedreht? Und habe ich mir eben gewünscht, Siegfried Lenz stünde vor mir? Und wer ist dann dieser ältere Herr mit Pfeife und einem Blinzeln in den Augen? Jedenfalls spricht mich dieser ihm zum Verwechseln ähnlich sehende Herr tatsächlich an und fragt mich, ob ich ihm meine Stadt erkläre. Eins ist wohl klar: Er wird keine Geschichte, keine Novelle, wie ich sie von ihm liebe, schreiben über das, was ich erzähle – oder doch? In einer anderen Welt?

Mein fast 90jähriger Lieblingsdichter und ich machen uns kurzerhand bei strahlendem Sonnenschein – schönes Wetter gehört zum Spaziergang unbedingt dazu –, auf den Weg. Wir bewundern reihum auf dem Rathausmarkt die schönen alten Häuser, das Jugendstilhaus von Markus Witt, das 1897 erbaute Eckhaus von Juwelier Jacobsen, das hellgelbe Zeitungshaus von 1907. Wir gehen zur alten Rathaustreppe, sehen Wilhelm Lehmann lächeln. Ich erzähle, dass seit bald 30 Jahren in dem langgestreckten Gebäude unser Stadtmuseum, ehemals „Heimatmuseum“ genannt, untergebracht ist. Nun lächelt er – denkt er an seinen gleichnamigen Roman? Wir biegen in die Nicolaistraße ein. Mein Begleiter bewundert das Café Heldt in seinem eigenwilligen Stil. Kaffee gefällig? Nein, wir genießen einfach den Blick in die kleine, feine Straße, die schon seit 1971 Fußgängerzone ist. Rechts und links ein Blick, ein kurzer Kommentar. Dem aufmerksamen Dichter entgeht nicht, dass sich einige schmale Neubauten wunderbar in die Häuserreihen einfügen.

Dann stehen wir gegenüber dem Ochsenkopf und ich meine, mich verhört zu haben, als mein Dichter, Pfeife im Mundwinkel, fragt, wo denn die Holzbrücke sei, über die man nach Borby gelangt. Habe ich etwas verpasst? Er lässt die Katze aus dem Sack: 1962, als seine großen Romane „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“ weder geschrieben noch verlegt waren, folgte er einer Einladung Wilhelm Lehmanns, der damals einer der wichtigsten deutschen Lyriker war und dem just in dem Jahr die Ehrenbürgerwürde unserer Stadt verliehen wurde. Haben die beiden Dichter nur bei Kaffee und Kuchen gefachsimpelt? Oder hat Lehmann ihm auch ein Stück Eckernförde der 1960er Jahre gezeigt? Vielleicht wurde er ja von Eckernfördes Lage inspiriert, als er seinen Roman „Heimatmuseum“ am Ende im fiktiven Egenlund an der Schlei spielen ließ.

Wir bummeln weiter, durch den Ochsenkopf, den er so nicht gesehen haben kann. Eckernfördes Altstadt zeigt sich von ihrer besten Seite. Wir gehen durch die Frau-Clara-Straße, machen Halt am Haus Nr. 20, das noch auf seine Quartiers-Bezeichnung aus alten Zeiten hinweist und schauen kurz in die beeindruckende Toreinfahrt des „Kontorhauses“ . Dann muss ich meinem Dichter zeigen, wie schön man auch heutzutage Hinterhöfe gestalten kann. Ihm gefällt scheint’s die Initiative, die die neuen Besitzer bei den gelungenen neuen Clara-Höfen gezeigt haben. Aber dann liegen der Fischkutter-bunte Hafen und die Holzbrücke vor ihm und ich sehe, das Szenario gefällt ihm noch mehr. Zu anderen Zeiten hätte er vielleicht gern frischen Fisch vom Kutter gekauft, wer weiß. Ich erzähle ihm von der Sturmflut 1872 und der Notwendigkeit seinerzeit, eine Verbindung zum damals noch eigenständigen Borby zu schaffen, wenn auch anfangs als Pontonbrücke.

Er ist einverstanden, hier nun in die Altstadtgassen einzubiegen. Die Bebauung an der Hafenspitze mag ich dem alten Herrn nicht präsentieren. Kattsund, Fischerstraße und Gudewerdtstraße sind allemal schöner. Die farbenfrohe Kleinteiligkeit, die überall liebevoll gepflanzten Blumen und besonders die Rosenstöcke entlocken ihm ein Lächeln. Wir gehen an einem der ältesten Häuser Eckernfördes, dem heutigen Waldorfkindergarten, vorbei durch den Pastorengang in die Kieler Straße.

Es ist voll geworden, wir haben Markttag, aber trotzdem wirft mein Pfeife rauchender, verschmitzt lächelnder Begleiter noch einen bewundernden Blick auf manche Fassade, bevor wir zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen.

Gerade will ich ihm sagen, dass es ein Muss ist, der Nicolaikirche einen Besuch abzustatten, da hat er sich in der Menge davongemacht. In der Luft hängt noch ein leichter Tabakduft.

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