zur Navigation springen
Eckernförder Zeitung

23. August 2017 | 16:25 Uhr

Mit Muße zur Schaffensfreude

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wie man mit kreativer Einkehr zu neuen Erkenntnissen und neuer Energie kommen kann

Das leere Blatt auf dem Monitor beleuchtet nichts anderes als meine Gedankenleere. Mir flut kein sinnvoller Textbeitrag ein. Sollte es aber. Dieses fordernde „Sollte“ drückt wie ein Knebel. Dennoch, nichts geht. Dann bleibt nur die Möglichkeit zu warten bis sich ein Gedanke meldet, der es wert ist, niedergeschrieben zu werden. Das braucht seine Zeit, während der man zwangsläufig die Leine des Sollens losbindet und die Gedanken sich selbst überlässt.

Zugegeben, etwas Überwindung kostet es schon, so einfach nichts zu tun, Zeit vergehen zu lassen, wo doch „Zeit = Geld“ ist. Den Spruch kennt man. Der amerikanische Politiker Franklin prägte ihn vor 250 Jahren. Das ist lange her, doch seine Maxime wird bis heute als Inbegriff ökonomischen Handelns angesehen.

Das Dogma „Zeit ist Geld“ fordert dazu auf, die immaterielle Zeit in das materielle Geld zu verwandeln oder noch zwingender: es zu müssen. Das Kunststück gelingt nur, wenn man dabei unbewusst den stillen Befehlen: „Trödle nicht herum! Mach ‘was aus deiner Zeit!“ gedankenlos folgt. Nichtstun, Ruhigwerden, Muße? Fremdworte. Sie gelten nur für Einsiedler und Mönche. Noch.

Aus seiner Zeit etwas zu machen bedeutet nach verbreiteter Auffassung, sein Leben so zu gestalten, immer schneller, effektiver und erfolgreicher zu sein als die vermeintliche Konkurrenz. Die schläft bekanntlich nie. Mobiltelefone, Laptops und iPads verführen zu permanenter Ruhelosigkeit. Langeweile bleibt bei einem derart verdichteten Lebensstil verbannt. Er verlangt, im Beruf erfolgreich zu sein, das Familienleben wie die Gesellschaft zu bereichern, gesund zu leben, gut auszusehen, informiert und jederzeit erreichbar zu sein. Wer erfolgreich sein will, muss als Persönlichkeit glänzen, ersatzweise muss die Automarke dafür einspringen. In einer Welt, die vom schnellen Wechsel der Aufmerksamkeit lebt, kann nur der einen Eindruck hinterlassen, der sich selbst beharrlich gut darstellt. Der Terminplaner diktiert was dafür zu tun ist, manchmal gibt die Pharmakologie Hilfestellung. Ein Leben auf der Überholspur. Und genau damit verfängt man sich unmerklich in einem Netz, das aus einer schleichenden Selbstverwertung geknüpft ist - bis nichts mehr geht und nichts mehr hilft.

Das Bezeichnung, »Burn Out-Syndrom«, umschreibt den Zustand eher verschämt anstatt ihn unzweideutig zu benennen: Menschen, die ausgebrannt sind, die ausgedient haben, die ausgesondert werden. Oasen sind nicht vorgesehen. Muße könnte den Weg zurück zur Schaffensfreude weisen. Könnte. Doch sie bleibt in einer von der Überbietungslogik des Marktes geprägten Arbeits- und Konsumwelt unvorstellbar.

Noch. Dabei setzt erst die Muße die schöpferischen Energien des Menschen frei, kennzeichnet seine Einzigartigkeit. Dazu gehört allerdings die innere Verpflichtung, kreativ nach dem zu suchen, was in einem selbst an Fähigkeiten steckt. Sie heißt es zu entwickeln und umzusetzen. Das ist keine leichte Aufgabe, sich einen Freiraum für seine eigene Lebensgestaltung zu verschaffen angesichts scheinbar unüberwindlicher Sachzwänge. Zudem droht das eigenständige Denken in dem Datenmüll zu verdorren, der jegliche Form der Selbstwahrnehmung behindert: der zu sein, der man ist und der sich an anderen Normen orientiert als ausschließlich an denen der Ökonomie.

Ein älterer Mensch verfügt heute - sofern es seine gesundheitlichen Umstände zulassen - über einen großen Freiraum zur Lebensgestaltung, über ein Leben in Muße. Ein großes Geschenk, das den Weg zu neuen Interessen weist. Dann tauchen ganz von alleine neue Ziele auf, für die man sich einsetzen möchte. Der verinnerlichte Befehl lautet anstelle von trödle nicht herum, nunmehr genieße deine Muße und lebe im Jetzt.

Nun steht doch etwas auf dem anfangs leeren Blatt; hoffentlich ein sinnvoller Text.


Karte
zur Startseite

von
erstellt am 23.Jan.2014 | 00:31 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen