Wenn die Rente nicht reicht : Mit Hempels gegen die Armut

Elbsegler und Fischerhemd – so kennt man Hempels-Verkäufer Günther Diercksen aus dem Eingangsbereich des Famila-Marktes.
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Elbsegler und Fischerhemd – so kennt man Hempels-Verkäufer Günther Diercksen aus dem Eingangsbereich des Famila-Marktes.

Günther Diercksen ist mit seinen 80 Jahren einer der ältesten Verkäufer des Straßenmagazins. Seine Biographie klingt wie ein Abenteuerroman.

shz.de von
27. Juni 2014, 06:41 Uhr

Sein Stammquartier ist die Eingangspassage des Famila-Markts im Hörst, nur ab und zu sitzt er auch mal auf dem Wochenmarkt oder nutzt Großveranstaltungen wie die Aalregatta. Sein Markenzeichen: Elbsegler, Fischerhemd und sein offenes und immer freundliches Gesicht. Im rechten Arm preist er eine ganz besondere Zeitschrift an: Hempels, das Straßenmagazin für Schleswig-Holstein. Günther Diercksen ist mit seinen 80 Jahren einer der ältesten Hempels- Verkäufer in Schleswig-Holstein. Er ist nicht obdachlos wie viele andere der 150 Hempels-Verkäufer, sondern bessert sich mit dem Verkauf seine geringe Rente auf, die kaum zum Leben reicht.

Geboren in Hamburg, aufgewachsen ohne Eltern. „Als ich zwei Jahre alt war, ist meine Mutter gestorben. Mein Vater ist gestorben, als ich fünf war,“ sagt Diercksen. Nach dem Tod seiner Eltern ist er in verschiedenen Waisenhäusern untergekommen. Als Hamburg im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde, musste er fliehen. Er kam nach Bayern und hat dort mit 14 Jahren seinen Volksschulabschluss gemacht hat. Danach wollte er zur See fahren, doch seine Pflegeeltern hatten andere Pläne: Günther Diercksen sollte das Bäckerhandwerk lernen. „1948 war man froh, wenn man eine Lehrstelle gefunden hat“, sagt Diercksen. „Ich habe die Lehre nach drei Monaten abgebrochen, viele konnten das nicht verstehen.“ Stattdessen trat er der französischen Fremdenlegion bei. Diercksen war in Nordafrika und in Vietnam, desertierte und kam in vietnamesische Gefangenschaft. „Die DDR kaufte uns Gefangenen für eine Million Mark frei. Wir sind über Asien und Ost-Europa zurückgekommen“, sagt der Rentner. Danach sei er nach Westdeutschland geflüchtet und in Stuttgart gelandet, wo er viele Jahre lang als Umzugshelfer gearbeitet und auch Zeitungen auf der Straße verkauft hat.

Mit seiner zweiten Ehefrau hat er vier Kinder, zwei zogen nach Flensburg und Eckernförde. 2008 kam er nach und verkauft seitdem „Hempels“. Die Hälfte des Erlöses geht an die Verkäufer, in diesem Fall sind das pro verkauftem Magazin 90 Cent. „Oft geben die Leute einem zwei, drei oder auch vier Euro, obwohl die Zeitung nur 1,80 Euro kostet“. Diese Trinkgelder oder Spenden darf er als Verkäufer behalten. „Viele denken, ich sei obdachlos, dabei habe ich eine kleine Wohnung und versuche, hiermit nur meine Rente aufzubessern. Die Menschen verurteilen einen viel zu schnell. Trotzdem bin ich auf die Spenden und den Verdienst angewiesen“, erzählt er. Seine Tätigkeit ist die eines normalen Zeitungsverkäufers am Kiosk. „Der Kiosk hat mehr Auswahl und nimmt kein Trinkgeld an, mehr Unterschiede gibt es nicht.“ Im Monat verkauft er 60 bis 80 Exemplare, einige auch an Stammkunden. Diercksen ist gern unter Menschen und kann sich nicht vorstellen, den ganzen Tag zu Hause zu sitzen – ein weiterer Grund für seine Verkaufstätigkeit.

In der täglichen Praxis gab es manchmal Probleme mit anderen „Gewerbetreibenden“ aus Kiel. Sie hatten versucht, ihm seinen Verkaufsplatz streitig zu machen, dabei darf jeder Verkäufer nur an Orten verkaufen, die in seinem Hempelsausweis stehen. „Zum Glück hat sich dieses Problem gelegt.“

Wie lange er noch verkaufen will, weiß der 80-jährige nicht. Er möchte gerne so lange wie möglich am Ball bleiben. Aber auch er merkt langsam das Alter und weiß, dass er irgendwann aufhören muss. Zurück nach Hamburg möchte er nicht – zuviele negative Erinnerungen an seine Kindheit im Waisenhaus. In Eckernförde fühlt er sich wohl, hier hat er ein schönes Zuhause mit netten Menschen und seiner Familie in der Nähe.

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