Abenteuer : Mit dem Flieger in die Steinzeit

Autor Harald Gross beim Verdauungs„Gras“ mit dem Dorfchef.
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Autor Harald Gross beim Verdauungs„Gras“ mit dem Dorfchef.

Der Eckernförder Abenteurer und Fotograf Harald W. Gross hatte während einer West-Papua-Reise Gelegenheit, den letzten Kannibalen in den Kochtopf zu schauen.

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05. Januar 2018, 06:46 Uhr

Eckernförde | Wamena 1965: Ein trostloses Nest mit einigen Wellblechhütten, einem löcherigen Grasfeld, das als Flugplatz diente, sowie zweier Missionsstationen, die alle das Seelenheil der kleinen Heidenkinder retten wollten und dabei auch fleißig mit dem Prügelstock der Christianisierung Nachdruck verliehen. Auffällig waren damals bereits die massenhaft herumlaufenden Schweine. Kein Wunder, waren sie doch die Namensgeber des Ortes Wamena. Wam bedeutet in der Sprache der Ureinwohner Schwein. Heute ist Wamena zu einer Handelsansiedlung aus Tausenden von Wellblechhütten, noch mehr herumlaufenden Schweinen und noch mehr Missionsstationen herangewachsen. Und dennoch kann der neu gebaute moderne Flugplatz nicht darüber hinwegtäuschen, dass Wamena nur den Charme einer großen Mülldeponie zu bieten hat.

Möchte man jedoch die letzten Steinzeitmenschen dieser Erde besuchen, so führt kein Weg an Wamena vorbei, denn der einzige Zugang zu dem fruchtbaren Hochtal am Baliem-Fluss inmitten von West Papua führt über den Luftweg. Straßenzugänge gibt es nicht. Vereinzelt begegnet man den Dani, den Lani oder den Yale bereits im Ortskern, wenn zwischen den vom indonesischen Staat angesiedelten quirligen Händlern ein nackter Krieger, nur mit seinem aus Kürbisrohr bestehenden Penisschutz bekleidet, sich den Weg durch die Menschenmassen bahnt.


Der Kleinste hat den größten „Kürbis“

Bereits einige Kilometer außerhalb des Ortes nach beschwerlichen Wegen über zugewachsene Dschungelpfade, schwankende Hängebrücken, über Schlammlawinenabgänge und ausgetrocknete Bachbetten trifft man auf ihre Weiler. Hier leben die Dani in Gemeinschaften von 40 bis 150 Menschen. Die palisadenumrankten Dörfer zeigen überall die gleiche Struktur. Die Männer leben im Männerhaus, die Frauen, Kinder und Schweine im Frauenhaus. Und dann gibt es noch ein Koch- oder Gemeinschaftshaus.

Die Stammesgeschichte der Dani klingt einfach: Nori, der Urahn des heutigen Stammes, kam eines Tages mit seiner Frau und beladen mit vielen Körben aus den umliegenden Bergen ins Tal gezogen und ließ sich dort nieder. Trotz des Verbots öffneten seine Kinder neugierig die Körbe und ließen so Schlangen, Skorpione und anderes Getier frei. Und so kamen die Plagen auf die Erde. Im Weltbild der Dani war die Welt bereits hinter den 4000 Meter hohen Bergen zu Ende.

Duasti, die Frau des Clanchefs Wanamuke erzählt diese Geschichte, während sie den Vormittag damit verbringt, Gemüse, Süßkartoffeln, Taro, Bananen, Farnkräuter und Schilfherzen für das bevorstehende Schweinefest im Weiler Okubua vorzubereiten, für das sich das ganze Dorf in Schale geworfen hat. Die Frauen tragen Schilfgrasröcke, über dem Rücken mehrere Netze, die auch für den Transport von Kindern und Waren genutzt werden, Ketten aus Kaurimuscheln und Bambus. Ihre Köpfe schmücken prächtige Hauben aus bunten Federn. Gesicht und Körper sind mit hellen Erdfarben bemalt. Und als Tagescreme haben sie dick Schweinefett aufgetragen.

Auch die Männer laufen heute in ihrem „Sonntagsstaat“ umher. Nackt, bis auf den unverkennbaren Peniskürbis, der in allen Größen von S bis XXL vertreten ist. Und es ist wie überall auf der Welt: Der Kleinste hat den größten „Kürbis“, der mehr Statussymbol als wirklicher Schutz ist. Die Männer sind ebenso wie die Frauen bemalt und eingefettet, sie tragen zum Teil imposante Wildschweinhauer durch die Nase und auf dem Kopf Mützen aus dem Fell des Kuskus, einer recht schmackhaften Art von Baumratte. Dazu Ketten aus den Krallen des Kasuar-Vogels. Steinbeil, Pfeil und Bogen unterstreichen noch das Bild eines angetretenen „Schützenvereins“.

Nur das kleine Schwein weiß noch nichts von seinem Schicksal. Schweine haben bei den Dani einen hohen Stellenwert. Jeder bedeutende Geschäftsabschluss – ob Brautpreis oder Kriegsentschädigung – wird in Schweinegeld geleistet. Inzwischen haben sich zwei Krieger eines der quiekenden Tiere geschnappt, und ein dritter schießt ihm aus geringer Distanz einen Pfeil ins Herz. Das Tier wird über einem Feuer abgesengt, ausgenommen und im Erdofen auf heißen Steinen zwischen dem Gemüse, den Früchten und den Farnen gegart. Nach ein bis zwei Stunden wird das dampfende Fleisch mit einem Bambusmesser in kleine Teile zerlegt. Wobei der Chefmetzger immer darauf achtet, dass die wichtigsten Stammesmitglieder (die Männer) die größten und besten Stücke abbekommen.


Kriege laufen hier gesittet ab

Bald danach sitzt die „Tafelrunde“ laut schmatzend beim Schweinsbraten. In Juchzlauten wie „Jaa up up up“ und sich dabei auf den Bauch klatschend, wird der köstliche Schweinebraten besungen und gelobt, als wenn Alfons Schuhbeck höchstpersönlich ihn zubereitet hätte. Statt eines Verdauungsschnapses gibt es danach eine Tüte „Gras“.

Meist klingt ein solches Fest mit Tänzen und den tonlosen, aber rhythmischen Gesängen friedlich aus. Jedoch nicht immer. Ein Missverständnis, vielleicht ein kleiner Streit zwischen Kindern, kann schnell zu einem handfesten Krieg ausarten. Denn Krieg führen ist die eigentliche Lebensaufgabe der Männer. Die Arbeit im Dorf wird von den Frauen erledigt, ob Kinder und Schweine aufziehen, Feldarbeit und Feuerholz besorgen. Der Mann, der Krieger, hat derweil „wichtigere“ Aufgaben. Er sitzt meist auf seinem Wachturm und beschützt seine Frauen bei der Feldarbeit. Frauenraub, Überfälle aus nichtigen Gründen und Schweinediebstahl bieten immer wieder Grund zur Wachsamkeit.

Apropos Krieg – darunter muss man sich keine plötzlichen Prügeleien und Messerstechereien vorstellen. Nein, Kriege laufen hier gesittet ab nach Regeln, die den Ablauf beschreiben, wie viele Tote, Verletzte es geben darf, ob bei Regen oder in der Nacht weiter gekämpft wird. Es gibt ein Kampffeld, auf dem die Parteien aufeinander eindreschen können. Dann rennen die Krieger mit wildem Geschrei aufeinander zu, provozieren einander, schießen Pfeile ab, bewerfen sich mit ihren Speeren. Sind alle Speere und Pfeile verschossen und noch niemand verletzt oder getötet, gibt es eine Pause. Die Waffen werden eingesammelt, und los geht’s von Neuem. Hat nun einer der „Helden“ keine Lust mehr, setzt sich der Kepu (Feigling) am Spielfeldrand auf die „Reservebank“, mault von dort weiter oder feuert seine Kumpels an. Hat er wieder Lust, wirft er sich mit schaurigem Gejohle wieder ins Getümmel. Irgendwann sind die Verletzten- und Todeszahlen erreicht oder eine Seite hat keine Lust mehr, weiter zu kämpfen. Dann stimmt sie einen Friedensgesang an, dem Friedensverhandlungen folgen, natürlich mit Schweine-Reparationszahlungen. Ist alles geregelt, wird der neue Friede mit einem Schweinefest besiegelt, das allerdings manchmal im Verlauf für einen neuen Kriegsgrund sorgt.

Auf die Frage, ob Besiegte dabei auch verspeist werden, bekommen wir abwehrendes Geschnatter zu hören. Nein, die Dani würden keine Menschen verspeisen. Das machen nur die Yali. Würde ich die Yali fragen, käme wohl eine ähnliche Antwort heraus. Auch wenn sie bei uns noch immer gern als Menschenfresser und Kopfjäger bezeichnet werden – seit den 1980er Jahren wurden keine Missionare mehr verspeist. Es gibt zwar noch immer einige Stämme in den Wäldern (doppelt so groß wie Deutschland), die sich dem Zugang zur Außenwelt verschließen, aber das Thema „Menschenopfer“ hat keine große Bedeutung mehr. Wir haben die Dani als äußerst liebenswerte Menschen kennengelernt und verlassen den Weiler mit Wehmut und vielstimmigen lauten „Wa, Wa, Wa“-Rufen, was in ihrer Sprache so was wie „Tschüß, Hallo, Moin Moin“ bedeutet.

Wer an weiteren Informationen oder an einer Reiseteilnahme interessiert ist, kann sich an den Autor Harald W. Gross, Telefon 04351/84660, oder an Karl-Heinz Rüter, Telefon 04356/986748, wenden.


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