Joachim Kandzora wird 90 : Menschenfreund mit feinen Sinnen

Heide Simonis schnappte Joachim Kandzora das Bundestagmandat vor der Nase weg.
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Heide Simonis schnappte Joachim Kandzora das Bundestagmandat vor der Nase weg.

Der Bauschul-Professor und Kommunalpolitiker Joachim Kandzora feiert heute seinen 90. Geburtstag. Kandzora ist für seine Verdienste mit dem Ehrenring der Stadt, dem Verdienstkreuz und der Willy-Brandt-Medaille geehrt worden.

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06. Dezember 2014, 06:24 Uhr

Er ist ein durch und durch freundlicher Mensch. Einer mit wachem, kritischem Verstand und Augen, die auch im fortgeschrittenerem Alter noch strahlen können. Joachim Kandzora, langjähriger Professor am Fachbereich Bauwesen der Fachhochschule Kiel und verdienter und hoch dekorierter sozialdemokratischer Kommunalpolitiker, feiert heute seinen 90. Geburtstag. Er kann auf ein erfülltes Leben zurückblicken und steht auch mit 90 Jahren bei bester Gesundheit noch mitten im Leben. Joachim Kandzora bewohnt nach dem Tod seiner Frau Erika im Juni 2003 das von ihm selbst entworfene und 1968 bezogene Haus im Stolbergring allein, die Einliegerwohnung hat er vermietet. Kandzora, der nahezu täglich mit seinem 28 Jahre alten BMW zum Mittagessen fährt, ist ansonsten Selbstversorger und möchte sein Leben so lange wie möglich in trauter Umgebung verbringen. Gute Gene oder eine besonders gesunde Lebensführung? Für den 90-Jährigen ist seine gute Gesundheit „ein Gottesgeschenk“. Und dafür ist er sehr dankbar. Dankbar ist er auch, heute 45 Gäste im Restaurant des Segelclub begrüßen zu können. Natürlich sind seine politischen Weggefährten von einst dabei – allen voran Kurt Schulz, Jürgen Anbuhl, Klaus Buß –, und Freunde aus der Landespolitiker wie Günther Jansen, der einstige Landessozialminister, der 1993 durch seine „Schubladenaffäre“ in der Barschel/Pfeiffer-Affäre Zeitgeschichte geschrieben hat.

Joachim Kandzora wuchs im niederschlesischen Dorf Wiesegrade bei Oels unweit von Breslau auf. Im Oktober 1942 wurde er als 17-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen und erlebte die Kämpfe in Monte Casino (Italien) mit. Nach dem Krieg bekam er einen Architekturstudienplatz in Darmstadt, machte dort sein Diplom und heiratete 1950 in Esslingen seine aus Siebenbürgen stammende Frau Erika, eine promovierte Germanistin. Am Neckar hat er mehrere Jahre als freier Architekt gearbeitet und rund 400 Wohnungen, eine Kirche, zwei Kindergärten und viele Geschäftshäuser gebaut. Später arbeitete Kandzora als Architekt für das Stuttgarter Textilunternehmen Breuninger. 1951 wurde ihre Tochter Gabriele geboren, die heute als promovierte Germanistik die Lehrerausbildung in Hamburg leitet, 1954 folgte Sohn Johannes, heute niedergelassener Kinderarzt und -kardiologe in Neumünster. Seine Kinder haben ihm sechs Enkelkinder geschenkt.

Jochen Kandzoras großes Thema ist die Gerechtigkeit. Er hatte den Ehrgeiz, die Welt ein wenig besser und gerechter zu machen. Diesem Ansatz sah er eher in der Lehre als in der freien Wirtschaft gegeben. Und so bewarb er sich um eine Dozentenstelle am Fachbereich Bauwesen in Eckernförde, bekam die Stelle und begann seine Lehrtätigkeit im März 1964. Zwei Jahre später gab’s die Professur, seine Hauptfächer waren Entwerfen und Bau- und Kunstgeschichte. Legendär waren seine Exkursionen, die ihn und die Studenten nach England, Wales, Schottland und weitere Länder führten. „Die Exkursionen waren immer eine halbe Stunde nach dem Aushang ausgebucht“, erinnert sich Kandzora. Er war zwei Jahre Dekan des Fachbereichs, Mitbegründer der Architektenkammer und zwölf Jahre lang ihr Vizepräsident. Der Architekt hat als Wettbewerbssieger das Gemeindezentrum Wulfsteert gebaut, später auch das BMW-Autohaus an der B 76, das just an diesem Tag seine Türen schließt. Das dürfte den Baumeister ebenso schmerzen wie der laufende Abriss der Bauschule im Lorenz-von-Stein-Ring. 1989 ging Joachim Kandzora in Pension.

Neben Familie und Beruf spielte die Kommunalpolitik eine wichtige Rolle in seinem Leben. Kandzora trat 1973 in die SPD ein, um Schwächeren zu helfen. Dieses Ziel verfolgte er von 1974 bis 1990 als Ratsherr. Kandzora war viele Jahre 1. Stadtrat, Vorsitzender des Bauausschusses und Förderer des Umweltkatasters, dem Eckernförde unter Leitung von Michael Packschies die bis heute geltende ökolgisch ausgerichtete Stadtentwicklung verdankt. In seine Zeit als Kommunalpolitiker fielen wichtige Projekte wie der Bau der Fußgängerzone, des Rathauses oder des Awo-Servicehauses. Kandzora war zwölf Jahre SPD-Ortsvorsitzender, viele Jahre stellvertretender Kreisvorsitzender und klopfte sogar an die Tür des Bundestages, unterlag aber in einer legendären Versammlung in Schacht-Audorf Heide Simonis mit zwei Stimmen im zweiten Wahlgang: Einige Genossen, die Kandzora schon sicher in Bonn wähnten, waren schon vor der Abstimmung gegangen. Das hat Kandzora damals mächtig gewurmt.

Für seine Verdienste wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Ehrenring der Stadt Eckernförde, der ihm an seinem 65. Geburtstag am 6. Dezember 1989 verliehen wurde, und der höchsten Auszeichnung der SPD, der Willy-Brandt-Medaille geehrt, die ihm vor genau einem Jahr ebenfalls an seinem Geburtstag verliehen wurde. Joachim Kandzora genießt nach wie vor höchste Achtung in Eckernförde. Sein Leben ist, vor allem nach dem Tod seiner Frau Erika, stiller geworden. Aber der 90-Jährige kritische, aber gläubige Christ und Freund von Kunst und Kultur schätzt es nach wie vor, Menschen zu begegnen und teilzunehmen an Geschehen. Seine drei Parteifreunde Kurt Schulz, der ihn immer sonntags zwischen 8.20 und 8.30 Uhr anruft und sich nach seinem Befinden erkundigt, Klaus Buß und Jürgen Anbuhl sind auch Freunde im richtigen Leben, auf die er zählen kann. Seine Kinder und Enkel sind ein großer Halt für ihn, er ist unternehmungslustig und hat gerade vor zwei Jahren die dritte Flusskreuzfahrt absolviert.

Zu seinem 90. Geburtstag wünscht er sich von seinen Gästen statt persönlicher Geschenke Spenden für Kinder in Not. Sein Ziel verfolgt er eben immer noch sehr hartnäckig – anderen Menschen zu helfen.

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