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Menschen auf der Flucht: Erinnerungen an 1945

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Neue Heimat in Eckernförde nach einer Flucht in eisiger Kälte / Auch neue Flüchtlinge suchen eine Heimat

Seit vielen Wochen berichten uns Medien von der Flucht der Menschen aus den Kriegsgebieten. Wenn ich die Kommentare und Bilder im Fernsehen sehe und höre, und Zeitungen lese, überkommt mich Unwohlsein und auch Angst. Keine Angst um mich, sondern eine Angst um jene Menschen, die vor dem Terror fliehen. Monatelang Strapazen auf sich nehmen, um einen Ort zu finden, wo sie in Sicherheit leben können.

In unserer Nationalhymne stehen die Worte ,,Einigkeit und Recht und Freiheit ...“ ich möchte für mich sagen „ein Recht auf Freiheit“ sollte jedem zustehen. Aber wo es Menschen gibt, und von denen gibt es viele, die nur an Macht und Geld denken, wird es leider immer wieder zu Auseinandersetzungen kommen.

Augenblicklich geht die Diskussion durch unser Land, werden wir es schaffen, die große Verantwortung zu bewältigen. Da ist wieder die Erinnerung an die große Flucht aus dem Osten vor über siebzig Jahren. Damals begann unsere Flucht aus Königsberg Ende Januar 1945 bei eisiger Kälte. In meiner Erinnerung waren es 29 Grad minus. Die „Reise“ dauerte bis Anfang Mai 1945 bis wir in Eckernförde ankamen. Da war es dann Frühling.

Die Flucht begann am Hafen von Königsberg. Ein Kohlenfrachter nahm uns an Bord. Wir mussten um in den Laderaum zu kommen, an einer Leiter herunterklettern. Mit voll besetzter Menschenfracht ging es auf die offene Ostsee. Eisschollen krachten an die Wände des Schiffes. Noch heute, nach so vielen Jahren, habe ich das Knirschen des Eises in Erinnerung. Wir liefen Kolberg an und wurden ausgeschifft. Nach kurzem Aufenthalt ging die Fahrt auf einem Lazarettschiff weiter. Bis wir dann in Stettin von Bord gingen, waren viele Tage vergangen. Wie viele Unterbrechungen zwischen den einzelnen Stationen waren, vermag ich nicht mehr zu sagen. Ich glaube meine Mutter war froh, dass wir die Seereise ohne Berührung mit feindlichen Schiffen überstanden hatten.

Nun ging es über Land weiter. Dieses Mal in einem Güterzug, der bis Güstrow drei Tage brauchte. Hier blieben wir einige Wochen bis die Front immer näher rückte. Wieder wurde unser Hab und Gut gepackt, und weiter ging es mit einem Lkw, dessen Fahrer nach Dänemark musste. Dicht gedrängt standen die Mitfahrer auf dem offenen Wagen. Mein Platz war auf dem Dach des Führerhauses. Es dauerte fast zwei Tage bis wir hier in Eckernförde ankamen und geblieben sind. Eckernförde wurde nun unser neues Zuhause.

Wie viele Menschen im Eiswasser der Ostsee ertranken und erfroren, bleibt sicherlich ungewiss. Viele Überlebende wurden in Dänemark aufgenommen. Fischer, die mit ihren Kuttern über die Ostsee kamen, landeten auch in Eckernförde. Die meisten der über Millionen Ostpreußen machten sich im Treck auf die Flucht, die über das Eis des Frischen Haffs führte. Menschen, die dieses schreckliche Drama überlebten, kamen in ein von Bomben und Granaten zerstörtes Land. Mit starkem Willen und gewaltigen Anstrengungen begann nach Ende des Krieges der Aufbau Deutschlands.

Ich bin froh und dankbar in einem Land zu wohnen, das bis heute vom Krieg verschont geblieben ist und ich hoffe, dass dieses Land auch heute stark genug ist, vielen Flüchtlingen eine neue Heimat zu geben.

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erstellt am 11.Nov.2015 | 17:26 Uhr

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