„Melde dich doch mal…!“

klinge für wedler

Die vielfältigen Möglichkeiten der modernen Kommunikation: Hilfe oder Last?

shz.de von
04. Januar 2019, 10:31 Uhr

Ich gebe zu: Manchmal verweigere ich mich der angeblich erforderlichen ständigen Erreichbarkeit – trotz der vielen modernen technischen Möglichkeiten. Ich gehe nicht ans Telefon, lasse mein Handy ausgeschaltet und öffne trotz Klingelzeichens nicht die Haustür. Die Freiheit nehm` ich mir ohne schlechtes Gewissen.

Neulich wurde ich jedoch für dieses selbstbestimmte Verhalten nicht ganz zu Unrecht getadelt: Unser Besuch, den wir zur verabredeten Zeit am Bahnhof in Kiel erwarteten, traf dort zunächst nicht ein: falscher Zugteil, andere Ankunftszeit, anderes Gleis. Bahnfahren ist eben auch heutzutage noch ein spezielles Erlebnis …. Als wir schließlich doch zueinander fanden, wurden wir, statt mit einer freundlichen Begrüßung, mit Vorwürfen empfangen, da man uns nicht sofort per Handy habe benachrichtigen können. Meine ehrliche Erklärung, das Handy läge zu Hause, wurde mit Unverständnis zur Kenntnis genommen: „Wie bitte, du bist nicht immer erreichbar? Wozu hast du denn ein Handy???“ In diesem Fall wäre es wohl tatsächlich besser gewesen, es dabei zu haben, räume ich etwas betreten ein.

Aber wie gelang denn eigentlich früher die Verständigung zwischen Menschen, die sich entfernt voneinander aufhielten – ohne Handy, ohne Telefon, ohne Computer? Kinder und Jugendliche können sich ein lebenswertes Dasein ohne diese technischen Errungenschaften kaum vorstellen. Unsere Vorfahren benachrichtigten sich mit Trommelzeichen, wenn es ganz dringend nötig war. Die chinesischen Wächter auf der Großen Mauer warnten einander mit loderndem Feuer vor dem Eindringen von Feinden und Jahrhunderte später, nach der Erfindung des Papiers, schrieben unsere Vorfahren Briefe mit dem angespitzten Federkiel, die dann mit der Postkutsche in tagelanger, beschwerlicher Fahrt zum Adressaten gebracht wurden. In ganz eiligen Fällen wurde von fürstlichen Herrschaften einem reitenden Boten befohlen, trotz widriger Wetterbedingungen das Schreiben seiner Hoheit unverzüglich auszuliefern.

Das alles hören Jugendliche zwar mit Interesse, finden es aber eher spaßig bei der Vorstellung, wie viele „ganz wichtige Nachrichten“ sie täglich verschicken, z.B., ob bei ihnen gerade die Sonne scheint oder sie gleich mit Freunden „shoppen“ gehen wollen – das Ganze garniert mit einem Foto des gerade georderten fast-foods.

Wichtige diplomatische Nachrichten wurden in den vorigen Jahrhunderten als „Depesche“ per Telegramm verschickt: Bisweilen waren sie leider der Anfang vom Ende eines bis dahin friedlichen Miteinanders von Staaten.

Mit der Erfindung des Telefons tat sich, zunächst allerdings nur für gut situierte Menschen, eine schnellere Möglichkeit auf, anderen Wichtiges mitzuteilen. Und nachdem das „Fräulein vom Amt“ in den Ruhestand gegangen war, wurde das Telefonieren noch einfacher. In heutiger Zeit muss seit der Erfindung des Anrufbeantworters der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung nicht einmal mehr anwesend sein. Der AB wird jedoch von manchen Anrufern hartnäckig gemieden, denn er wird seiner Bezeichnung nicht gerecht. Oder hat er Ihnen schon einmal nur eine einzige Frage beantwortet? Eine Freundin gestand mir, das verleite sie häufig dazu, ihr Anliegen so detailliert darzustellen, dass der Anrufbeantworter bereits abschaltet, bevor sie die wichtigste Frage formuliert hat …

Nun gibt es das moderne, jedes Jahr mit neuen Raffinessen versehene Handy: Schon Kinder im Grundschulalter gehen versiert damit um und bieten sich gerne an, anderen die vielen Möglichkeiten zu erläutern: „Oma, guck mal, hier eine App für die Fußballergebnisse, und hier sind tolle neue Spiele und …“ Obwohl Oma oder Opa behutsam bremsen und dankend ablehnen, ist der Junior so begeistert von der beeindruckenden Technik, dass er verspricht, seine Erläuterungen demnächst fortzusetzen.

Bin ich nun fortschrittsfeindlich, unmodern und völlig veraltet? Auch ich nutze seit einiger Zeit gerne mein Handy – wenn ich es für sinnvoll halte. Auch diesen Text habe ich, wie seit Jahren, auf meinem PC geschrieben. Er erleichtert mir täglich den Austausch mit meinen Freunden, Bekannten und bietet mir Informationen aller Art.

Ich kann mir ein Leben ohne diese Hilfe kaum noch vorstellen. Aber nur dann, wenn ich es will!

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