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Heinz Rudolf Kunze : Meister der Zwischentöne und des scharfsinnigen Spotts

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Heinz Rudolf Kunze gibt ein außergewöhnliches, berührendes Konzert in der ausverkauften Stadthalle.

Eckernförde | Kunze? Ausverkauft. Die Stadthalle ist voll, die Köpfe leer – bereit, alles aufzunehmen, was dieser Ausnahmekünstler heute zu bieten hat. Obwohl es ein Montag ist, an dem Heinz Rudolf Kunze nach Eckernförde kommt – nicht gerade der Ausgehtag par excellence – und das genau zwischen Weihnachten und Neujahr: Dieses Geschenk machen sich die Nordlichter, ohne mit der Wimper zu zucken.

Gespannt und gebannt wirkt das Publikum – mit Recht, wie sich im Laufe des Abends zeigt. Was der Musiker und Literat Kunze heute präsentiert, ist persönlich, tiefsinnig, intelligent, bissig und sehr unterhaltsam. Er wechselt zwischen Textvortrag und Lied – eine ungewohnte Vortragsform, die nach den ersten gesprochenen Zeilen einen Sog entwickelt, dem man sich bis zum Schluss nicht mehr entziehen kann. Wie schon bei anderen erfolgreichen Interpreten, deren Stücke teilweise aus dem Radio bekannt und als Partyhit beliebt sind, ist es auch hier ein Gewinn, dass diese Musiker mal ohne ihre Band ausreißen dürfen. Mit nichts dabei als ihrer Stimme. Und ihren Gitarre(n).

Heinz Rudolf Kunze betört durch Worte und Melodien, nicht durch Lautstärke. Wucht entwickelt er trotzdem und das später am Abend auch noch an Mundharmonika und Klavier. In Stücken wie „Das Ultimatum“, „Leg nicht auf“, das „Dasein und ich“, „Der schwere Mut“ oder „So, wie du bist“ marschiert er durch sein musikalisches Leben, zeichnet seinen Werdegang nach, beschreibt ganz persönliche Gedanken zu Liebe und Leben. Und die haben es in sich. Wie die Reinkarnation eines Wilhelm Busch und eines Francois Villon spöttelt und spottet er sich scharfsinnig durchs Weltgeschehen. Hält sich und anderen den Spiegel vor, er ist ironisch, beißend, lustig und immer wieder auch melancholisch.

Seine unverwechselbare Stimme – einmal gehört, niemals vergessen – trägt durch Alltagssituationen, in denen sich viele wiederfinden können, er singt von aktuellen oder lange zurück liegenden Sorgen. Er kritisiert das Niveau der deutschen Bildungslandschaft verbal so beschränkt, wie das, worüber er singt: „Summ, summ, summ, dieses Land ist dumm / Tröt, tröt, tröt – dieses Land ist blöd / Schlapp, schlapp schlapp – dieses Land kackt ab (...).“

Und er macht Liebeserklärungen, nahen Menschen und dem Leben, zwischendurch moderiert er lustig bis charmant. Wenn er über sein Mundharmonika-Gestell meckert, das man sich um den Hals legt: „Es ist mir ein Rätsel, wie Bob (Dillon) das 50 Jahre ausgehalten hat. Entweder es ist zu weit weg – ist mein Hals zu kurz? Oder es sitzt auf meinem Gebiss.“ Und er spricht es direkt an: „Ich hasse Dich. Geh weg... Ihr lacht!“

Herrlich, seine Texte.

Er, der Schulprimus, dem alles zufiel. Den man deshalb nicht lieber mochte ... Der es besser machen sollte, als die Eltern, denen der Krieg ein Hakenkreuz, äh, einen Strich durch die Lebensrechnung machte. Der es tatsächlich besser machte. Der erfolgreich studierte und Lehrer wurde. Dem das nicht reichte. Der Lieder schrieb und dessen erste Kritik, oh wie fein, in der „Welt“ erschien: „Ich wünsche mir, dass so ein Zyniker und Sänger nie in Deutschland Erfolg hat.“ Kurz danach erhielt er den Deutschen Schallplattenpreis, der Rest ist Geschichte. „Har har har ...“, würden die Panzerknacker dazu sagen.

Seine Stücke sind packend oder melancholisch, mal schnüren sie den Atem ab angesichts der „Lava aus Kotze“, mal atmet das Publikum auf und singt erleichtert mit wie ein Mann, als Eckernförder Sprottenchor bei „Dein ist mein ganzes Herz“.

Nach jedem Stück wird es lauter, Texte und Musik sind einfach zu gut. Danke sagt Kunze mit vier Zugaben, und beim Rausgehen staunen die Menschen über den Abend: „War das toll. Ganz besonders. Ich weiß gar nicht, was ich besser finden soll – seine Zwischentexte oder seine Lieder?“

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