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Den Sinnen auf der Spur : Meeresrauschen oder: Leben im Drei-Sekunden-Takt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wie der Sekundentakt unseren Denkmodus prägt und warum das Langzeitgedächtnis so wichtig ist.

War das wieder ein Tag. Dahinter vermerkt der eine erfreut ein Ausrufungszeichen, während ein anderer deprimiert ein Fragezeichen setzten möchte. Wir alle ziehen in jedem Falle - meistens unbewusst - eine Bilanz der Ereignisse des erlebten Tages.

Mit dem Erwachen morgens werden unsere Sinne auf den Betriebsmodus hochgefahren. Man kennt den Vorgang von unserem digitalen „butler“, dem Computer. Während ihm, dem Computer, jeder Tastendruck gleich wichtig ist, unterscheiden wir zwischen den Eindrücken. Denn was wie die Körner eines Hagelschauers auf unsere Wahrnehmung prasselt, berührt unseren Körper als Ganzes. Bei einem Eindruck verschließt man die Augen, wieder ein anderer geht an die Nieren oder lässt Herz und Mund überlaufen, vielleicht den Atem stocken.

Und der Verstand? Einiges geht auf ihm den Geist anderes beflügelt ihn. Wir können allein von der Menge der Eindrücke nicht alle sammeln. Da wird, da muss sortiert werden. Die Summe der von unseren Sinnen derart gefilterten Eindrücke - jeder von der Dauer eines Wimperschlages - bildet den Tag ab, auf der Leinwand unserer Empfindungen über diesen Tag.

Zwei große sich ergänzende Raster sorgen dort für deren notwendige Einordnung.
Der eine: das ist unser Körper mit seinem „Bauchgefühl“, seiner Fähigkeit zu empfinden; er sortiert alle Wahrnehmungen auf der empirischen Skala ein - gleitend von „wohltuend bis abstoßend“ - ohne rationale Bewertung.

Der andere: das ist unser Verstand; er beurteilt unsere Wahrnehmungen zeitlich rational getaktet. Nur drei Sekunden lang registriert das Ultra-Kurzzeitgedächtnis Sinneseindrücke von Bildern, Tönen, Gerüchen und Berührungen und empfindet diese als gleichzeitig. In diesen wenigen Sekunden bewerten wir eine Wahrnehmung danach: Ist etwas Neues dabei? Speichern? Oder ignorieren? In den Urzeitmodus zurückversetzt hieß die Entscheidung damals allerdings: Lebensgefahr mit sofortiger Flucht oder weitermachen. Dieses Zeitfenster taugte seit Urzeiten zum Überleben unserer Spezies und schützt uns heute noch - stets einen Takt vorausschauend etwa - im Straßenverkehr.

Der Drei-Sekunden-Takt beschreibt nichts anderes als die Dauer der subjektiv gelebten Gegenwart, jene kurze Spanne zwischen der erlebten Vergangenheit und der noch nicht gelebten Zukunft. Es ist der Zeitpunkt, in dem ich lebe. Der nächste Takt rückt nach. Die Folge aller Takte lässt bei uns einen Kino-Film entstehen, den wir als eine scheinbar bruchlos fließende Gegenwart empfinden so wie etwa die Folge der einzelnen Takte eines Musikstückes ebenfalls als etwas „Fortlaufendes“ wahrgenommen wird.

Dieser Sekundentakt prägt auch unseren Denkmodus. So dauern beispielsweise Gedanken im freien Redefluss vorgetragen nur drei Sekunden. Die Zeilen in Zeitungen sind meist auch nur so lang, dass man sie in drei Sekunden lesen kann. Daher versteht man den Inhalt von Sätzen mit etwa 13 Worten sehr leicht; bei 19 bis 25 geht es gerade noch; aber bei über 30 Worten darf man mit Schiller seufzen: „... dunkel war der Rede Sinn ...“ sofern die Gedanken unstrukturiert sind oder die Worte jeglichen Gedankens entbehren.

Der unser Leben dominierende Drei-Sekunden-Takt muss demnach in uns allen dauerhaft angelegt sein. Da auch Wellenberge in diesem Takt an das Ufer branden, bedeutet das, dass wir jenes Zeitfenster aus dem Ur-Meer in uns tragen, jenem Meer aus dem einst alles Leben kam. Verständlich, dass Meeresrauschen auf uns immer noch wie ein beruhigender Atem der Seele wirkt - nach Millionen von Jahren.

Jenseits des Drei-Sekunden-Taktes kennen wir unter anderen noch ein weiteres Phänomen unserer Wahrnehmung: das den Älteren so vertraute Langzeitgedächtnis. Es ist in zeitliche wie in örtliche Bezüge eingebettet und es ist auf die eigene Person ausgerichtet ergänzt um die über Generationen überlieferten Eindrücke. Diese persönliche historische Präsenzzeit tragen wir in uns; sie umfasst rechnerisch an die 300 Jahre. Und wenn es zutrifft, dass unser Sein zeitlose Energie ist, dann leben wir sogar länger als wir leben. Was bedeutet daneben schon ein einziger Tag.


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erstellt am 05.Nov.2014 | 06:06 Uhr

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