Der Kampf gegen krankhaftes Übergewicht : Magenverkleinerung ist kein Freifahrtschein

Susanne vor der Magenoperation.
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Susanne vor der Magenoperation.

Die Adipositas Selbsthilfegruppe Eckernförde bietet Erfahrungsaustausch und gegenseitige Motivation. Jedes Mitglied hat seine eigene Leidensgeschichte.

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06. Dezember 2017, 05:38 Uhr

Eckernförde | Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit lockt überall in der Stadt und auf Firmenweihnachtsfeiern ein äußerst kalorienhaltiges Angebot. Statt fetter Weihnachtsgans, Marzipan und Stollen gibt es auf der gemeinsamen Weihnachtsfeier von Rona (21), Susanne (52), Maik (43), Petra (51), Manfred (52) und Elke (61) geräucherten Lachs, Nüsse und selbst gebackenes Dinkelbrot. Maik kocht für alle eine spezielle Hühnersuppe. Glühwein oder ein Weihnachtsbier sind absolut verpönt: „Alkohol ist Gift für uns“, erklärt Ute Dietel (74), eine der Leiterinnen der Adipositas-Selbsthilfegruppe Eckernförde. „Wir achten sehr auf gutes, gesundes Essen“, so die 74-Jährige. Es sind Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, die sich jeden zweiten Donnerstagabend im Monat im Familienzentrum im Saxtorfer Weg zum Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Motivation treffen.

Jeder hat eine lange Leidensphase erlebt, die geprägt war von Krankheiten, Schlafproblemen, Mobbing und vielen verzweifelten Momenten, wo sie der Mut verließ. Auslöser ihres Leidens ist eine Krankheit, die früher nur belächelt wurde und als einfaches Übergewicht abgetan wurde: Adipositas. Heute wird die übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper als eine chronische Gesundheitsstörung verstanden und wird entsprechend medizinisch behandelt. Die Betroffenen haben zumeist viele Diäten hinter sich – stets erfolglos, das Übergewicht blieb. Operative Eingriffe für eine Magenverkleinerung, wie ein Magenbypass oder ein Schlauchmagen, können beim Kampf gegen die Pfunde unterstützen, bedeuten aber noch lange keinen Freifahrtschein.

So auch bei Maik. Der 43-Jährige aus Noer hat seit Juni 2016 einen Schlauchmagen. Vor der OP wog er bei einer Größe von 1,91 Metern 207,5 Kilogramm. Wie findet man da noch passende Kleidung? „Die Hose hatte die Größe 69, das T-Shirt die Größe 7XL. Und meine Motorradjacke hatte die Größe 10XL“, so der Projektkoordinator. Kräftig sei er schon immer gewesen, aber irgendwann habe sein Stoffwechsel nicht mehr funktioniert und das Gewicht stieg von 120 Kilo stetig auf über 200 Kilo. Maik hatte Glück: Sein Arbeitgeber und seine Mitmenschen hänselten ihn nicht, sondern reagierten besorgt und unterstützten ihn in seiner Absicht, sich einer OP zu unterziehen.Anders bei Rona (21) – die Tierpflegerin in Ausbildung ist das jüngste Mitglied der Gruppe und bereits seit drei Jahren dabei. Vor der OP wog sie bei einer Größe von 1,93 Metern 180 Kilo, jetzt zeigt die Waage 116 Kilo an. Schon als Schülerin habe sie immer viel gegessen und Diäten ausprobiert – erfolglos. Wegen ihres Übergewichts wurde sie von Mitschülern gehänselt – fürs Selbstbewusstsein eine Katastrophe. „Heute kann ich selbst Scherze machen“, verrät die junge Frau. Doch der Weg dahin war lang und beschwerlich. Voraussetzung für die OP war die Teilnahme an einem sechs Monate dauernden Multimodalen Therapieprogramm des Universitätsklinikums Kiel. Es handelt sich um ein leitliniengerechtes, multimodales Therapieprogramm, das ernährungsmedizinische, verhaltensmodifizierende und bewegungstherapeutische Aspekte beinhaltet. Umstellung der Ernährung mithilfe einer Ökotrophologin und jede Menge Sport standen auf dem Programm. Pflicht war auch die Teilnahme an einer psychologischen Beratung.

Dass ein derartiges Übergewicht Folgeerkrankungen verursacht, weiß auch Susanne. Die 52-jährige Eckernförderin, die vor knapp zwei Jahren einen Schlauchmagen bekommen hat, wog 117,7 Kilo bei einer Größe von 1,58 Meter. Nach der Geburt von drei Kindern sei sie einfach immer „weiter aufgegangen“. Das hatte Folgen: „Ich hatte massive Knie- und Rückenprobleme. Ich konnte keine Treppen steigen.“ Mehrere Operationen am Knie waren notwendig, aber schwierig. Diäten und Essensumstellungen haben nichts bewirkt. Heute wiegt die Angestellte eines Discounters 64 Kilo. „Ich habe meine Ernährung umgestellt. Gemüse, Geflügel und Fisch stehen jetzt auf meinem Speiseplan.“ Mitte 2013 war der Leidensdruck bei Manfred aus Hummelfeld so hoch, dass er sich zu einer OP entschloss. 200 Kilo brachte der 1,87 Meter große 52-Jährige auf die Waage, jetzt sind es 92 Kilo weniger. „Ich konnte jahrelang aufgrund des Übergewichts nicht mehr richtig schlafen“, erinnert sich die Fachkraft eines landwirtschaftlichen Lohnunternehmens. Eine Schlafmaske half, weniger Kilo auch: „Das Schnarchen ist weg.“ Ein Magenbypass unterstützt Petra (51) seit eineinhalb Jahren beim Abnehmen. Sie wog bei einer Größe von 1,64 Meter 101 Kilo, jetzt sind es 83 Kilo. Von August bis November hat die frühere Altenpflegerin 18 Kilo abgenommen. „Ich fühle mich einfach vitaler. Man kann endlich die Beine wieder übereinander schlagen“, sagt sie. 2011 (sie wog 67 Kilo) musste sie aufgrund einer Krankheit Medikamente einnehmen – die Folge: Sie hatte dauernd Appetit, das Gewicht stieg an. Weniger Pfunde, weniger Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Störungen des Bewegungsapparates, weniger Einsamkeit sind die positiven Ergebnisse des langen Kampfes gegen Übergewicht: „Es ist ein ganz anderes Leben. Man wird von der Umwelt einfach besser akzeptiert, wenn man schlanker ist“, sagt Ute, die durch die zu vielen Pfunde eine künstliche Hüfte und ein künstliches Knie bekommen musste, „und man schwitzt endlich nicht mehr so“, erklärt sie, und alle stimmen ihr sofort zu. Die Leiterin der Selbsthilfegruppe hat sich vor vier Jahren (Größe 1,64 Meter, Gewicht 138 Kilo) einen Schlauchmagen operieren lassen. Damit kam die 74-Jährige nicht gut zurecht, so dass sie sich im Oktober 2017 einen Magenbypass hat setzen lassen. Trotz dieser Maßnahmen heißt das für die Betroffenen nicht, dass sie in alte Essgewohnheiten zurückfallen dürfen – im Gegenteil: „Es ist absolute Disziplin angesagt“, so Dietel. Mineralstoffe, Kalzium und jeden Tag Eiweiß, um einen Muskelabbau zu verhindern, sind nötig. Jetzt reichen ein Brötchen und zwei Teelöffel Joghurt, um satt zu sein. Mehr kann zu Erbrechen oder Durchfällen führen. Auch nach einer OP ist eine ökotrophologische Beratung Pflicht, genau wie die Kontrolltermine im Uniklinikum Kiel. „Und Bewegung ist wichtig. Bewegung bedeutet für uns Leben“, sagen alle Mitglieder. Neben den Treffen steht denn auch gemeinsamer Sport, vor allem Schwimmen, auf dem Programm. „Wir suchen noch Mitstreiter im Kampf gegen die Pfunde“, sagen alle und freuen sich auf neue Mitglieder. Aber zunächst steht die gemeinsame Weihnachtsfeier im Familienzentrum an.

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Adipositas Selbsthilfegruppe Eckernförde, jeden 2. Donnerstag im Monat ab 19 Uhr, Familienzentrum Saxtorfer Weg 18 b,

Kontakt: Ute Dietel, Tel. 0151/43 26 78 17

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Mail: ute.dietel@gmx.de

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