Wandermärchen : Lyrik lebendig und ermutigend

Literatur zwischen Huskys: Anna Magdalena Bössen (r.) ließ große Autoren bei Britta Dunker und ihrem Team lebendig werden.
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Literatur zwischen Huskys: Anna Magdalena Bössen (r.) ließ große Autoren bei Britta Dunker und ihrem Team lebendig werden.

Lesung gegen Kost und Logis: Anna Magdalena Bössen bringt Literatur ins Land

shz.de von
10. Juni 2014, 06:00 Uhr

„Anna Magdalena Bössen radelt durch Deutschland und lässt sich einladen. Gegen Kost und Logis liest sie und spielt Theater.“ Soviel zu diesem ungewöhnlichen und einzigartigen Angebot. Am Sonnabend war sie in Haby zu Gast bei Britta Dunker vom Husky Team Hüttener Berge.

18 Vier- und elf Zweibeiner lauschten andächtig und still (!) diesem ersten Outdoor-Abend. Es war die einzigartige Begegnung mit einer Ausnahme-Künstlerin. „Ich will los, aber ich will nicht weg!“ war ihre Idee, nach dem Vorbild mittelalterlicher Wandererzähler Deutschland mit dem Fahrrad den Norden und Osten, Westen und Süden zu bereisen und „Gast“ zu sein. Am 10. Mai ging es los in Hamburg. Der nächste Termin wird im etwa 30 Kilometer entfernten Mielkendorf bei Kiel sein. Mit Profi-Fahrrad, gelbem „Wandermärchen“-Ratgeber-Koffer und zwei Satteltaschen geht es auf die Piste.

Anna Magdalena Bössen hat an der Musikhochschule in Stuttgart Sprechkunst und Rezitation studiert – und aus dem Stand eindrucksvoll bewiesen, was alles in bekannten Gedichttexten steckt, sofern man sie gekonnt vorträgt. Dabei beschreibt „Vortragen“ ihre Kunst mit altertümlichem Begriff. „Vorleben“ müsste es richtiger heißen. Alles auswendig, „erzählte“ sie aus ihrem Leben, brachte die Zuhörer mit ihrem Kofferprogramm und Fragen zu Identität und Heimat der Dichter und Denker zum Nachdenken. „Bist du Deutschland? Sind wir noch das Volk der Dichter und Denker? Was ist Wahrheit?“ Die Antworten von Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe, Mascha Kaleko, Hilde Domin, Rainer Maria Rilke, Friedrich von Schiller und vielen anderen Dichtern lieferte sie in gereimter Form gleich mit.

Zuerst Heinrich Heine, der mit „Deutschland, ein Wintermärchen“ auch Titel-Ideengeber dieses Projektes war. Im Internetzeitalter verbindet es „Gestern“ und „Morgen“. Finanziert hat Magdalena Bössen es mit Crowdfunding übers Internet, und so 6000 Euro gesammelt. Das reichte für eine Web-Präsenz (www.ein-wandermaerchen.de) und die Organisation. Ihr Smartphone zeigt unterwegs den Terminplan. Genauso neu wie die Organisation wirkten die von ihr durchlebten Dichter-Texte. Wie nach einer Frischzellenkur, und ohne am Wortlaut etwas zu verändern. Heines und Goethes Gefühle stimmen auch heute noch, für jeden. „Deutschland, ein Himmelreich oder ein Jammertal?“ fragt sie mit Heinrich Heine. Beides! Goethes Sturm und Drang Dichtung konnte jeder unter der Rotbuche in Haby auf intensivste Weise nacherleben. Magdalena Bössens Begeisterung für die traumhafte Begegnung mit Goethe konnte man bestens nachvollziehen. Es schien, als hätte sie ihn wirklich getroffen.

So lebendig und ermutigend erlebt man Lyrik bestenfalls selten, eigentlich nie. Gastgeberin Britta Dunker, die vor 13 Jahren als Stipendiatin für Literatur des Landes nach Eckernförde ins Künstlerhaus gekommen ist, will nach diesem Abend wieder weiterschreiben: „Ich habe damals zu viel über Huskys und den Schlittenhundesport recherchiert, so fing es an mit den Hunden. Der Roman wurde nie fertig. Mit dem Besuch von Magdalena ist für mich wieder das Eis gebrochen. Ich traue mich wieder und biete meinen Roman verschiedenen Verlagen an.“

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