Lust am Malen oder: Die Freuden des Autodidakten

Kreta, kleiner Hafen, gemalt als Ölbild.
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Kreta, kleiner Hafen, gemalt als Ölbild.

Rudolf Klinge wurde das Maltalent in die Wiege gelegt – es wurde nie gefördert, er hat es selbst entwickelt

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01. November 2016, 12:12 Uhr

Malen war von Kind an meine liebste Beschäftigung und blieb es bis heute. Meine vielleicht ererbte Begabung ließ mich nie los. Papier war sehr knapp während des Krieges. Ich malte mit dem Griffel auf der Rückseite der Schiefertafel. Ein feuchter Schwamm konnte alle Fehler bereinigen oder für ein neues Bild Platz schaffen. Jedes nicht bedruckte Zettelchen wurde von mir für Zeichenübungen genutzt. Außer ein paar Buntstifte, Bleistift, Radiergummi und Lineal stand mir nicht viel zur Verfügung.

Ich war in Graz/Steiermark zur Schule gekommen. Das erste Mal wurde mein Talent erkannt, als ich das Wahrzeichen von Graz, den „Grazer Uhrturm“ aus dem Kopf vor der Klasse an die Tafel malte. Vielleicht ein Schlüsselerlebnis. Meine häufigen Schulwechsel, bedingt durch Krieg und Flucht, ließen keine Weiterbildung im Malen zu. Mit 13 Jahren bekam ich zu Weihnachten meinen ersten Tuschkasten geschenkt. Die Freude war riesig. Leider fehlte mir jede Anleitung, um das Malen gezielt zu erlernen. Es gab immer Wichtigeres: Schulabschluss, Kaufmannslehre und zuletzt Ausbildung beim Zoll.

Dieser Beruf war völlig amusisch. Als Ausgleich habe ich viel später über die Volkshochschule in Flensburg eine Malergruppe mitbegründet. Wir trafen uns zweimal in der Woche und malten bis in die Nacht hinein, unternahmen Bildungsreisen, tauschten unsere Erfahrungen aus und waren alle Autodidakten. Die Frage: „Was soll ich denn heute malen“, gab es bei uns nicht. Wie brachten unsere Skizzen mit, die dann in Ölbilder, Aquarelle oder Kreidezeichnungen umgesetzt wurden. Mit Kritik und Lob wurde untereinander nicht gespart. Das größte Wunder war für mich, dass man aus den drei Grundfarben Rot, Blau und Gelb unter Hinzugeben von Schwarz oder Weiß sämtliche Mischfarben und Farbschattierungen mischen konnte. Vielleicht war das Mischen der Farben sogar die größte Kunst beim Malen. Diese Kunst besteht zu einem Drittel aus Hinschauen, zu einem Drittel Erfahrung und der Rest ist Phantasie.

Das Wichtigste ist das gezielte Hinsehen. Das Erkennen eines Motivs. Der Blick für das Wesentliche. Die schnelle Entscheidung: „Was ist aussagekräftig und was lasse ich lieber weg?“ Ein Bild beginnt meist mit einer schnellen Skizze, als Bleistift-, Kohle- Rötel- oder Farbstiftzeichnung. Manchmal gelingt der Entwurf treffender, als das im Atelier später ausgearbeitete Ölbild oder Aquarell. Der große Unterschied zwischen diesen beiden Bildarten liegt nicht nur im Farbenmaterial und Malgrund (Papier, Pappe, Leinwand usw.), sondern auch in der Verwendung ganz unterschiedlicher Pinsel und anderer Malwerkzeuge. Ein Aquarell sollte vom ersten Pinselstrich an „sitzen“. Man malt es farbmäßig vom Hellen ins Dunkle. Beim Öl- bzw. Acrylbild ist es umgekehrt. Dafür lebt diese Mal-Art von Farbuntergründen, Übermalungen und Lasuren.

Im Stil entwickelt jeder - wie beim Schreiben - seine eigene Handschrift. Ein Aquarell besticht durch seine Spontanität, während Acryl- und besonders Ölbilder oft viele Arbeitsprozesse durchlaufen. Ob ein Bild gelungen ist oder durch den Raster fällt, liegt stets im Auge des Betrachters. Morgen schaut ein anderer das gleiche Bild an und findet es toll!

Das Malen in der Gruppe hielt uns viele Jahre zusammen. Jeder von uns hatte seinen eigenen Mal-Modus entwickelt. Ich habe auf Malreisen und in Seminaren manchen Meister kennengelernt. Aber meine innigste und persönlichste Beziehung konnte ich zu dem Künstlerehepaar Lutz und Hedda Theen aus Thorsballig/Angeln aufbauen. Im Norden und Süden Europas haben wir gemalt und voneinander gelernt. Diese Reisen, die ausschließlich der Malerei gewidmet waren, haben uns verbunden. Die Malfreundschaft hat mein Leben sehr bereichert.








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