London 1954: Kein Geld, aber außergewöhnliche Begegnungen

Premier Winston Churchill vor Downing Street No.10 mit Victory-Zeichen.
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Premier Winston Churchill vor Downing Street No.10 mit Victory-Zeichen.

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31. Juli 2015, 06:05 Uhr

Es war 1954. Mein Ziel war London. Ich hatte dort eine Anstellung gefunden, doch die Arbeitsgenehmigung wurde mir von den Behörden verweigert. So hoffte ich, durch eine Vorsprache bei den zuständigen Stellen doch eine Zustimmung zu erhalten.

Die See war rau bei der Fahrt über den Kanal. Um eine Seekrankheit zu vermeiden, empfahl man mir, wie vielen anderen Passagieren auch, einen doppelten Whisky an der Bar zu nehmen. Als ich mich mit meinem Whisky aus der Menschenmenge freigekämpft hatte, stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass meine Brieftasche gestohlen worden war. Damit entfielen für mich in London mangels Barem Transportmittel wie U-Bahn und Bus. Zu spät erreichte ich zu Fuß das Haus des YMCA. Mein reserviertes Bett war inzwischen vergeben worden. Es war offenkundig, dass ich mich in einer prekären Situation befand, denn ohne Geld würde ich nirgends eine Unterkunft bekommen.

Die Mitarbeiterinnen des YMCA waren alle sehr bemüht, für mich eine Lösung zu finden, als sich eine von ihnen erinnerte, dass es in London eine reiche alte Dame gibt, die in Notfällen manchmal hilft. Es gelang mit einiger Mühe, die Telefonnummer dieser guten Seele zu ermitteln und sie anzurufen. Sie war bereit mich anzusehen.

Es dauerte nicht lange und eine edle Limousine fuhr vor. Der Chauffeur, in gepflegtem Livree, verstaute mit spitzen Fingern meinen alten Koffer. Nach einer nicht allzu langen Fahrt erreichten wir ein altes Herrenhaus in einem großen Garten mit einer breiten Auffahrt, die am Portal des Hauses endete. Dort erwartete mich eine junge Frau, wohl des Personals, die ein weißes Häubchen trug. Sie sagte mir, die Dame des Hauses sei sehr krank und bettlägerig. Sie sei aber trotzdem bereit, mit mir zu sprechen.

Ich wurde über eine elegante Treppe zum ersten Stock in ein Zimmer geführt, wo mich auf einer sehr schön hergerichteten Liegestatt eine vornehme ältere Lady freundlich begrüßte. Für mich war in gebührendem Abstand ein Stuhl bereitgestellt. Sie ließ mich berichten über mein Leben, meine Familie und meine Pläne. Schließlich erklärte sie, sie besitze ein zweistöckiges möbliertes Haus, das zurzeit aus bestimmten Gründen leer stehe. Dort könne ich einige Tage wohnen, wenn ich wolle. Ich müsse ihr jedoch jeden Tag über meine Erlebnisse berichten. Ihr Personal würde mir jeweils ein Frühstück vorbereiten. Es stellte sich heraus, dass dieses Frühstück so üppig war, dass ich bis gegen Abend immer gut versorgt war. Es war wie im Märchen. Ich wohnte in einer schicken Wohnung und es mangelte mir an nichts, außer an barem Geld. So lernte ich London zu Fuß kennen und ich besichtigte alles, was nichts kostete.

Zu dieser Zeit war Winston Churchill Premierminister. Diesen prominenten Mann hätte ich natürlich gerne gesehen. Vor Downing Street 10 stand eine Limousine mit Chauffeur. Vielleicht für Churchill? Außer zwei Bobbys war niemand zu sehen. Ich wartete und hoffte, dass ich Glück habe. Und tatsächlich, Churchill kam aus dem Haus. Ich lachte und winkte ihm zu wie einem alten Bekannten, denn wir hatten ihn ja über Jahre in den Zeitungen und in den Wochenschauen in den Kinos gesehen. Als er mich sah, hob er eine Hand und machte sein berühmtes V-Zeichen.

Ich erinnere mich gerne daran. Mancher deutscher Tourist hat die Briten damals etwas reservierter erlebt als ich, was ich gut verstehen konnte. Großbritannien war am Ende des Krieges auf Seiten der Sieger gewesen. Den besiegten Deutschen schien es jetzt wirtschaftlich jedoch besser zu gehen als den Siegern. In Westdeutschland brummte die Konjunktur, der Lebensstandard war rapide gestiegen, es gab nahezu Vollbeschäftigung. Dagegen war Großbritannien nach dem Krieg hochverschuldet, insbesondere an die Amerikaner, die Exporte waren fast auf die Hälfte der Vorkriegszeit zurückgegangen, hohe Militärausgaben belasteten die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit war relativ hoch, die britische Weltmachtsposition hatte an Bedeutung verloren.

Meine Bemühungen eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, blieben erfolglos, auch in den folgenden Jahren. Die Beschäftigung der eigenen Bürger hatte Priorität. Die heutige Freizügigkeit bei der Wahl des Wohnsitzes und des Arbeitsplatzes innerhalb der EU ist nicht hoch genug einzuschätzen, insbesondere für junge Bürger.

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