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Eckernförder Zeitung

18. Dezember 2017 | 23:45 Uhr

Leidvolle Geschichte und Fremdenangst

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Unterwegs in Südpolen: Polens Geschichte sollte mit im Gepäck sein / Abneigung gegen fremde Einflüsse / Ungeliebte Flüchtlinge

von
erstellt am 08.Jan.2016 | 06:50 Uhr

Unsere Reise führte uns vor kurzem nach Südpolen in die ehemaligen Hansestädte Breslau und Krakau. Wer ein Land verstehen will, tut gut daran, sich kurz mit seiner Geschichte zu befassen und dies ist gerade bei Polen besonders angebracht.

Das Land war immer wieder Spielball der benachbarten Großmächte Preußen, Russland und Österreich. Im späten 18. Jahrhundert teilten sie sich die Adelsrepublik Polen unter sich auf. Das Land verschwand von der politischen Landkarte Europas. Erst nach Ende des 1. Weltkriegs konnte wieder ein souveräner polnischer Staat gegründet werden. Im 2. Weltkrieg hat das Land unsäglich gelitten unter der brutalen deutschen Besatzungspolitik. 5,8 Millionen Polen verloren ihr Leben.

Nur wenige Kilometer von der wunderschönen Stadt Krakau entfernt liegt Auschwitz. Dort wurden in den Konzentrationslagern unter deutscher Regie etwa 1,6 Millionen Menschen umgebracht, vor allem jüdische Bürger, aber auch Sinti und Roma, Homosexuelle und russische Kriegsgefangene. Die Folgen der territorialen Neuordnung nach dem 2. Weltkrieg waren die Vertreibung und Umsiedlung von Millionen Deutschen aus den Provinzen öst1ich von Oder und Neiße und von 1,5 Millionen Polen aus den sowjetisch gewordenen Ostgebieten. Diese Vertreibungen gehören zu den größten erzwungenen Bevölkerungsverschiebungen des 20. Jahrhunderts, die für die Betroffenen ungeheure Opfer und großes Leid bedeuteten. Dessen sollte man sich bewusst sein, denn die Wunden sind bei aller sich wieder entwickelten Freundschaft, noch nicht bei allen verheilt.

Wer nach Polen reist, kommt in ein Land mit einer Fläche fast so groß wie Deutschland, aber mit nur halb so vielen Einwohnern (knapp 40 Millionen). Seit 2004 ist Polen Mitglied der EU. Nicht zuletzt auch durch die Nutzung der EU Fördermittel (seit 2004 geschätzt 54,8 Milliarden Euro) hat Polen ein positives Wirtschaftswachstum zu verzeichnen. Man sieht neu gebaute Autobahnen, Stadien und schön renovierte Städte.

Deutschland ist der größte Handelspartner im Import und Export. Als einziges Land der sowjetischen Einflusssphäre konnte Polen das Privateigentum in der Landwirtschaft bewahren. Bemerkenswert ist, dass die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe nur bis zu 5 Hektar bewirtschaften und ausschließlich oder hauptsächlich für den Eigenbedarf produzieren.

Etwa der Hälfte der Bevölkerung geht es immer noch schlechter als vor 10 Jahren. Die Löhne sind zum Teil so niedrig, dass sie die Lebenshaltungskosten nicht decken. Aus diesem Grund suchen viele Polen Arbeit im Ausland. Zwei Millionen Polen sind in den letzten 10 Jahren ausgewandert. Das soziale Netz ist schwach. Wer arbeitslos ist (derzeit 9,5 %)‚ landet schnell in absoluter Armut. Die katholische Kirche, die für die polnische Nationalgeschichte eine wichtige Rolle spielte, zuletzt auch durch den polnischen Papst, kämpft gegen den Verlust ihres Einflusses. Sie wird nicht mehr als Garant des Polentums wahrgenommen, eine Folge der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft. Die Zahl der Kirchgänger hat sich halbiert.

Ein Thema unserer Gespräche war natürlich auch die Aufnahme von Flüchtlingen. Polen ist ein Land, aus dem bis vor kurzem ausschließlich emigriert wurde. Immigration ist neu und macht Angst. Es besteht eine Abneigung in der Mehrheit der polnischen Gesellschaft gegen jede kulturelle und religiöse Andersartigkeit, die rational nicht zu erklären ist. Weniger als 1 % der Gesamtbevölkerung Polens sind Ausländer. Seit einigen Wochen stellt die National-Konservative Partei (PiS) die Regierung in Polen. Diese rechte Partei wurde insbesondere von der jungen Generation gewählt, die sich zunehmend Sorge macht um ihre Zukunft, vor allem auch im Hinblick auf das ständig unzureichende Angebot an geeigneten Arbeitsplätzen. Als Tourist ist man jedoch gerne gesehen, und man kann sich hier wohlfühlen.

Im zweiten Teil meines Berichtes werde ich eingehen auf die besuchten Städte und ihre Sehenswürdigkeiten.


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