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Lebendige Wärmepolster für 30 eisige Kilometer

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Lebhafte Erinnerungen an Bunkernächte und Lebensmittelnotstand nach der Lektüre des SH-Journals

Das Themen-Journal „75 Jahre 2. Weltkrieg“ (EZ v. 30. August) hat mich sehr berührt, besonders das „Kriegskochbuch“. Ich wurde im Januar 1941 geboren, und man sollte glauben, dass sich ein damals dreijähriges Kind später nicht wirklich an die Kriegszeit erinnern kann. Und doch gibt es,wenn auch wenige, beeindruckende Erlebnisse aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, die sich in meinem inzwischen 73 Jahre alten Gedächtnis festgesetzt haben.

Ich hatte einen damals acht Jahre alten Bruder und eine 13-jährige Schwester. Wir lebten mit unserer Mutter in Karlsruhe, der Vater war im Krieg und kam nie wieder. An ihn kann ich mich nur über Fotos in Uniform erinnern. Es war früh morgens und noch dunkel, als wieder einmal die Sirenen heulten. Unsere Mutter hatte, wie so oft, Schwierigkeiten die Geschwister zu wecken. Die Sirenen heulten, und alles strömte zum Bunker. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich alleine auf den Weg zum Bunker machte, doch ich wusste schon lange, dass dieses Monstrum von Gebäude unsere zweite „Wohnung“ war. Ich sehe mich heute noch sehr genau in einer Menschenschlange stehen, und ich freute mich, als auch die Tante und meine Oma kamen. Ich erinnere mich noch an einen lauten Knall und an ein großes Feuer in der Ferne. Natürlich wusste ich nicht genau, was passiert war. Erst viel später erfuhr ich von den Geschwistern, dass der Hauptbahnhof von Karlsruhe bombartiert wurde. Man stelle sich die Aufregung vor, als unsere Mutter vor meinem leeren Bettchen stand und mich im ganzen Hause suchte. Und dann die Erlösung, als sie mich unter den vielen Menschen im Bunker fand. Das sind Vorkommen aus der Kriegszeit, an die ich mich nach über siebzig Jahren noch erinnere.

Die Nachkriegszeit hinterließ dann deutlichere Spuren, die sich in das Kindergedächtnis einprägten. Jetzt fielen keine Bomben mehr auf die Häuser, dafür wurde das Essen immer knapper. Verwöhnte Kinder gab es nicht! Wir hatten einen kleinen Garten in dem es Kartoffeln, Obst und Gemüse gab, wenn, ja wenn es nicht von den lieben Nachbarn geklaut wurde. Auch solche Aufregungen habe ich noch heute in meinem Gedächtnis.

An eine außergewöhnliche Reise mit meiner Tante kann ich mich besonders gut erinnern. Ich war ja jetzt schon vier Jahre alt. Ich sehe mich noch heute in meiner Sportkarre sitzen mit einen Karton auf dem Schoß. Die wertvollen Hühner mussten mit, damit sie zuhause nicht gestohlen wurden. Es war ein kalter Herbst und die Hühner wärmten mich gut. Eine Bahn fuhr nicht nach „Unteröwisheim“, also schob mich meine Tante zu Fuß rund 30 Kilometer, immer auf der Landstraße!

Das sind Erinnerungen, die sich tief in das Gedächtnis eingruben.

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erstellt am 08.Okt.2014 | 16:49 Uhr

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