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Bernhard Grzimek : Leben zwischen Weltruhm, Schicksalsschlägen und Affären

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Green Screen veranstaltet eine „Grzimek Matinee“ mit Enkel Christian Grzimek und der Biografin Claudia Sewig. Rückblick auf ein intensives Leben mit einigen Turbulenzen.

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erstellt am 14.Sep.2015 | 06:59 Uhr

„Guten Abend, meine lieben Freunde“ – so begrüßte Bernhard Grzimek die Fernsehzuschauer erstmals am 28. Oktober 1956 – bis 1987. „Ein Platz für Tiere“ war die erste Tiersendung im deutschen Fernsehen und der Durchbruch für den Naturfilm. Aus dem Direktor des Frankfurter Zoos wurde über Nacht eine der bedeutendsten Personen des öffentlichen Lebens – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, vor allem in Afrika. Die Einschaltquoten waren gigantisch, die Sendung lief 175 Mal. Grzimek nutzte sein breit gefächertes Netzwerk, seine Publikationskanäle in den Medien und seine Popularität, um seine Ziele im Tier- und Umweltschutz zu verwirklichen. Für den ersten und bisher einzigen deutschen Oscar-Preisträger in der Kategorie Dokumentarfilm („Serengeti darf nicht sterben“, 1960) öffneten sich Türen zu Staatspräsidenten, darunter auch blutrünstigen Diktatoren wie Idi Amin in Uganda, bei denen er sich für den Erhalt der Natur und Tierwelt einsetze. Diesem Ziel ordnete Grzimek alles unter, er lebte dafür, war kreativ und erfolgreich beim Einwerben von Geldern für die Projektfinanzierung, neudeutsch „Fundraising“. Grzimek war so beseelt davon, dass er sich beim Eintreten für den Tierschutz notfalls auch über Grenzen und Konventionen hinwegsetzte. Er brach in Ställe mit Legebatterien ein und filmte das brutale Abschlachten von Robbenbabys. Zum vielschichtigen Leben Grzimeks gehören aber auch sein ungewöhnlicher Lebensstil mit Wildtieren in der Wohnung, Schicksalsschläge, Affären und seine – von ihm geleugnete – Mitgliedschaft in der NSDAP. Grzimek verlor seinen Sohn Michael am 10. Januar 1959 durch einen Flugzeugabsturz in der Serengeti in Tansania bei Dreharbeiten, seinen Adoptivsohn Thomas 1980 durch Selbstmord. Er heiratete 1978 in zweiter Ehe die Witwe seines Sohnes Michael und adoptierte ihren Sohn, seinen Enkel, Christian. Viel Stoff für eine spannende Biografie, die Journalistin Claudia Sewig nach fünf Jahren Arbeit 2009 unter dem Titel „Bernhard Grzimek – Der Mann, der die Tiere liebte“ veröffentlichte, sowie für einen Spielfilm mit anschließender Dokumentation, die Karfreitag in der ARD liefen.

Gestern nun stieg auch das 9. Internationale Naturfilmfestival Green Screen in das Thema ein. Die Festivalorganisatoren luden zu einer „Grzimek Matinee“ in die Galerie 66 ein, in der das bewegte Leben und vielfach preisgekrönte Werk von Deutschlands bekanntestem Tierfilmer beleuchtet wurden. Und zwar aus erster Hand: Christian Grzimek (56) war aus Frankfurt angereist, ebenso Dagmar Andres-Brümmer, Pressesprecherin der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, deren Präsident Grzimek bis zu seinem Tod 1987 war. Grzimek-Biografin und Green-Screen-Begleiterin Claudia Sewig war dabei und Naturfilmer Volker Arzt. Dagmar Weinberger aus dem Green-Screen-Team führte als Moderatorin durch die von rund 40 Gästen besuchte Veranstaltung.

Vorweg gab’s die halbstündige Dokumentation. Darin wird neben der bis heute faszinierenden Pionierarbeit Grzimeks im Naturfilm und seinem rigorosen Eintreten für eine artgerechte Tierhaltung auch sehr offen über sein von Affären begleitetes und von Schicksalsschlägen geprägtes Privatleben berichtet. Enkel Christian wurde am 22. August 1959 geboren, als sein Vater nach dem Flugzeugabsturz schon über sieben Monate in der Serengeti begraben lag. Christian wurde ab dem elften Lebensjahr zum neuen ständigen Begleiter Grzimeks auf seinen Reisen rund um den Globus. „Motor für die Filme war mein Vater“, sagt Christian Grzimek. Im Mittelpunkt hätten dabei wissenschaftliche Arbeiten gestanden, „die Filme waren nur Beiwerk“ – allerdings eines, das 1960 den Oscar gewann. Naturfilmer Volker Arzt gab offen zu, anfangs „kein Grzimek-Fan“ gewesen zu sein: „Das Auftreten wie ein Lehrer und dann ’meine lieben Freunde ...’ – das ging gar nicht und war von vorgestern. Aber rückblickend war das hochraffiniert. Er hat seine Sendungen nach den deutschen Befindlichkeiten ausgerichtet und hatte damit Riesenerfolg. Dieser Mann hat Tolles und Einmaliges geleistet.“

Bernhard Grzimeks Vermächtnis mit unzähligen Filmaufnahmen und Fotos sind heute der Fundus der Bildagentur „Okapia“, die von seinem Enkel und Adoptivsohn Christian und seiner zweiten Frau Erika verwahrt und vermarktet werden.

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