Interview : „Leben in einer Ellenbogen-Gesellschaft“

Max Theodor Rethwisch bekam für sein Engagement schon mehrere Auszeichnungen.
Max Theodor Rethwisch bekam für sein Engagement schon mehrere Auszeichnungen.

Der Osdorfer Max Theodor Rethwisch sorgt sich um das Ehrenamt und die Vereine. Fehlender Nachwuchs und mangelndes Engagement die Gründe.

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26. August 2017, 08:15 Uhr

Osdorf | Der Name Max Theodor Rethwisch ist in Osdorf ein Begriff. Und das nicht nur, weil die Familie Rethwisch dort seit 100 Jahren ansässig ist. Der 62-Jährige hat sich vor allen Dingen mit seinem ehrenamtlichen Engagement und seinem Beitrag für das Vereinswesen in der Gemeinde einen Namen gemacht. Unter anderem ist Rethwisch Gründer und seit 45 Jahren Vorsitzender des Pony-Reit- und Fahrvereins Borghorsterhütten, zudem ist er seit zehn Jahren Vorsitzender des Kleingartenvereins Osdorf. Vor zwei Jahren wurde Rethwisch für seinen Einsatz der Bundesverdienstorden verliehen. Was den 62-Jährigen bewegt, sind aber vielmehr die Zukunft des Ehrenamts und des Vereinswesens. Darüber hat die EZ mit ihm gesprochen.

Herr Rethwisch, was motiviert Sie, gleich in mehreren Ehrenämtern tätig zu sein?

Das ist einfach mein Hobby. Ich tue gerne was Gutes und freue mich, wenn die Menschen, insbesondere die Kinder, Spaß haben.

Geht es Ihnen dabei auch um Selbstbestätigung?

Das würde ich nicht unbedingt sagen. Klar, es gibt Leute, die sagen: Na Max Theodor, wolltest Du mal wieder in der Zeitung stehen? Aber da kann ich mir doch nichts für kaufen. Ich vertrete die Ansicht: Ein Verein, der atmet und arbeitet, der kann sich und seine Arbeit auch sehen lassen und sollte sich präsentieren.

Wie schwer ist es in der heutigen Zeit, dass ein Verein – wie Sie sagen – atmet?

Sehr schwer. In Deutschland stehen 480 Vereine vor dem Aus, weil sie keinen Nachwuchs finden und die Mitgliederzahlen immer weiter sinken. Und da kommen die Finanzen ins Spiel. Wenn Du heute als Verein nicht rechnen kannst, hast Du schon verloren.

Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Nachwuchs fehlt?

Da sind zum einen die Ganztagsschulen, die uns schaden. Aber auch die Eltern machen uns zu schaffen, weil sie die Freizeit ihres Kindes finanziell nicht unterstützen wollen. Beispiel Reitverein: Das ist natürlich ein Kostenfaktor, das Kind dort anzumelden. Und dann will man noch ein Haus bauen, ein Auto kaufen und in den Urlaub fahren.

Ist es ein weiteres Problem, dass die Leute Verbindlichkeit immer häufiger meiden?

Ja, das ist für die Vereine ein Todesurteil. Wenn jemand sagt, er ist um 14 Uhr da und dann kommt er doch nicht, dann verstehe ich das nicht.

Damit Vereine existieren können, braucht es Menschen, die sich in ihnen engagieren. Aber das Ehrenamt scheint mehr und mehr auszusterben ...

Das Ehrenamt ist wirklich in Gefahr. Früher war es eine Selbstverständlichkeit, einander zu helfen. Das ist heute nicht mehr so, weil die Menschen nicht miteinander, sondern nebeneinander leben. Wenn meine Mutter früher krank war, kam sofort die Nachbarin. Heute sagt man sich teilweise nicht mal mehr Hallo. Nach dem Motto: Ich habe hier mein Grundstück und mir ist egal, wer nebenan wohnt.

Warum ist das so?

Ich nenne es Desinteresse. Als wir neulich mit einem großen Fest den 70. Geburtstag vom Kleingartenverein gefeiert haben, waren neben den Mitgliedern nur drei Osdorfer da. Die Leute wohnen hier, schlafen hier, aber sie interessieren sich nicht für die Traditionen. Die sind schon fast ausgestorben. Und dann kommt noch dazu, dass die Leute heutzutage generell lieber nehmen, als geben.

Wie meinen Sie das?

Alle wollen Kuchen essen, aber keiner will selbst backen. Dass der eine für den anderen einsteht, das gibt es ja kaum noch – wir leben in einer Ellenbogen-Gesellschaft. Da heißt es immer nur „Ich, Ich, Ich“. Leute, die sich wirklich einsetzen wollen, werden hingegen rar.

Liegt es nur an den einzelnen Menschen oder auch an der Attraktivität des Ehrenamts, dass es weniger Engagement gibt?

Da muss man Herz für haben, gerade wenn man mit Jugendlichen arbeitet. Oft werden die Vereine von den Eltern aber nur noch als Abstellquartier benutzt: Nimm mal das Kind, ich will meine Freizeit haben. Das haben viele Leute eine Zeit lang mitgemacht, aber jetzt sind sie nicht mehr dabei. Und dann ist ein Ehrenemt natürlich zeitaufwendig. Wer hat schon Lust, 300 Stunden im Jahr zu arbeiten – für nichts. Man muss ja umsonst das Wochenende weggeben. Da sagen die Leute: Mein lieber Rethwisch, erstens muss ich Geld verdienen, zweitens mein Haus bauen, drittens brauche ich etwas Freizeit, viertens habe ich Familie und fünftens will ich in den Urlaub fahren.

Müsste ehrenamtlicher Einsatz also mehr honoriert werden?

Zumindest mit Spritgeld und Verpflegung. Wenn ich bei einem Turnier zehn Stunden helfe und dann noch mein Brötchen selbst kaufen muss, geht das gar nicht. Da ist die Motivation doch gleich im Keller, aber da fehlt den Vereinen oft das Fingerspitzengefühl.

Wie haben Sie es denn geschafft, die Motivation so lange hochzuhalten?

Wenn ich einmal A sage, muss ich auch B sagen. Viele Leute sagen, du hast doch Langeweile – ich war ja mit 55 im Vorruhestand. Aber wenn ich nicht das Zepter in die Hand nehme, dann läuft es auch nicht.

Würden Sie kürzer treten, wenn Nachwuchs da wäre?

Auf jeden Fall. Das Problem ist: Ich sitze auf einer Insel der Glückseligkeit, aber es kommt keiner. Wir haben zum Beispiel ein Jahresabschlussfest gemacht mit Spanferkelessen und hinterher Bingo – da kamen 80 Leute und haben mir applaudiert. Aber Essen und Preise besorgen, den Saal fertig machen – da hieß es vorher: „Mach du mal“.

Das hört sich alles sehr negativ an ...

Nackenschläge und Leute, die einem Steine in den Weg werfen, gehören dazu. Es überwiegen die schönen Momente. In Borghorst kamen bei einem Turnier 600 Zuschauer und 100 Reiter – da freut man sich.

Wie können Vereine in Zukunft weiter existieren?

Das liegt an den Menschen. Die müssen toleranter und hilfsbereiter gegenüber den Vereinen sein. Initiative zeigen ist das A und O. Und die Vereine müssen ihre Gemütlichkeit ablegen und auch mal neue Sachen ausprobieren. Wie hat unser ehemaliger Bürgermeister Hans Ohms gesagt? „Vereine sind die Perle der Gemeinde. Wenn sie nicht existieren, dann ist die Gemeinde tot und nur noch eine Wohngemeinde.“

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