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Eckernförder Zeitung

16. Dezember 2017 | 08:37 Uhr

Lausanne 1958: Schönste Jahr in meinem Leben

vom

shz.de von
erstellt am 17.Aug.2013 | 07:26 Uhr

Eckernförde | Heute möchte ich von der zweiten Hälfte meines einjährigen Praktikums in der französischen Schweiz erzählen. In Lutry verbrachte ich sechs Monate als "Haustochter" in einer Familie mit Kinder. Jetzt suchte ich eine hauswirtschaftliche Stelle und landete in der Küche einer Privatklinik in Ouchy, einem Vorort von Lausanne. Dort wohnte ich mit zwei Italienerinnen und einer Österreicherin in der Dachkammer des Hauses. Der Blick aus dem Fenster war großartig. Gegenüber, auf der französischen Seite des Sees glänzten die bizarren Schneegipfel des Mont Blanc. Meine Adresse lautete jetzt: Avenue de General Guisan. General Guisan, ist für die Schweizer ein Volksheld. Im zweiten Weltkrieg schrieb er Geschichte, indem er mit Adolf Hitler einen Deal ausgehandelte. Die deutsche Wehrmacht, mit Soldaten und allem Kriegsgerät sollte in der Nacht per Bahn durch die Schweiz nach Italien transportiert werden. Anderenfalls wären die Truppen auf dem Landwege durch die Schweiz marschiert. Nur so wurde das Land vor einem Krieg verschont.

Das zweite Halbjahr meines Praktikums war voller Überraschungen. Mein Französisch lernte ich besser in einem Sprachkurs der Volkshochschule, denn in der Küche wurde italienisch gesprochen. Die Köchin und Maria, die bald meine Freundin wurde, sprachen fast nur italienisch. Lange glaubten die beiden, ich würde sie nicht verstehen. Sie haben sich geirrt, denn bald verstand ich fast alles.

In meiner Freizeit bummelte ich gern durch die schöne Stadt mit ihrem französischen Charme. Ich verdiente jetzt ein paar Franken mehr, so dass ich mir ab und zu einen Cafe-Besuch leisten und die leckere Patiserie genießen konnte.

Meine Freunde aus Lutry traf ich oft. Einmal, an einem freien Tag, plante ich mit dem netten, jungen Klaus aus Kiel, eine Fahrradtour in die schöne Landschaft des Kanton Waadt. Meine Küchenchefin packte uns ein großes Stück Gruyezer Käse und eine Baguette für den großen Hunger ein. Als ich am Abend zurück im "Mädchenzimmer" war, wurde ich natürlich ausgehorcht. "Wie wars, hat er dich auch geküsst und so weiter! Ja, diese Liebe hält bis heute und das ist schön!

Ein halbes Jahr geht schnell vorbei, und so trennten sich unsere Wege wieder. Nun begann der "Ernst des Lebens", die Berufsausbildung.

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das Jahr 1958 das schönste Jahr in meinem Leben war. Vieles habe ich fürs Leben gelernt. Allen Jugendlichen wären diese Erfahrungen auch heute noch zu wünschen. Die Unabhängigkeit vom Elternhaus in jungen Jahren war das eine, das Leben als "Gastarbeiter" etwas sehr Nachhaltiges. Als wir in die Schweiz einreisten, wurden wir auf unsere Gesundheit untersucht, der Personalausweis wurde bei der Ausländerbehörde aufbewahrt. Das bedeutet, dass ich mich dort melden musste, wenn ich nach Hause fahren wollte.

Ich habe mich in der Schweiz sehr wohl gefühlt, aber mit den Einheimischen bekam ich wenig Kontakt, Ich war stets eine Ausländerin. Diese Erfahrung hat mich geprägt, und bis heute habe ich Verständnis für ausländische Arbeiter und ihre Probleme. Ich kann mich noch immer aufregen, wenn man sich hier, in Deutschland, abschätzend über "Gastarbeiter" äußert, die sich damals in großer Not aufmachten und in unserem Land ihr Glück suchten.

Es ist gut, in jungen Jahren diese Erfahrungen selbst zu sammeln. Gerne denke ich an diese Zeit in Lutry und Lausanne zurück.

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