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Leiter der Rostocker Stasi-Unterlagenbehörde : Langer Arm der Stasi reichte bis Eckernförde

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Gut besuchter Vortrag in der Waldorfschule: Der Leiter der Rostocker Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde, Dr. Volker Höffer, durchleuchtete die Machenschaften der Staatssicherheit der DDR.

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erstellt am 10.Nov.2017 | 06:44 Uhr

Eckernförde | Das Netz der Staatssicherheit der SED-Diktatur war eng geknüpft und reichte weit in die Bundesrepublik hinein. Die Marine in Eckernförde war ebenso im Fokus der DDR-Spione wie die Landesregierung, die Polizei, der Verfassungsschutz, die Landeszentrale für politische Bildung, Wirtschaftsverbände und -betriebe wie HDW, Politiker. In erster Linie aber war die Stasi das Hauptinstrument zur Überwachung und Unterdrückung der eigenen Bürger. Ihnen stellte man bis ins heimische Bett nach, sie wurden ausspioniert, erpresst und drangsaliert bis hin zur gezielten Tötung.

Julia Rose, gelernte Schlosserin aus Dresden, im Alter von 23 Jahren aus der DDR verbannt und innerhalb von 24 Stunden zur Ausreise in die Bundesrepublik genötigt, hat die Menschenverachtung der DDR-Diktatur am eigenen Leib erfahren. Sie ist seit vielen Jahren Lehrerin an der Waldorfschule in Eckernförde und hat am Mittwochabend den Leiter der Außenstelle Rostock der Stasi-Unterlagenbehörde, Dr. Volker Höffer, zu einem Vortrag zum Thema „Infiltrieren, Spionieren, Zersetzen. Streiflichter zur Stasi-Arbeit in Schleswig-Holstein“ in die Waldorfschule eingeladen. Im Foyer ist eine kleine Ausstellung zum Thema „Zwischen Aufbegehren und Anpassen – Jugend in der DDR“ aufgebaut, die bis zum 30. November montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr zu sehen ist.


250 000 Verhaftungen

Gestern vor 28 Jahren fiel die Mauer, den die SED-Marionetten des Kreml ihrem Volk als „anti-imperialistischen Schutzwall“ zu verkaufen versuchten. Die Erinnerungen an die „zweite deutsche Diktatur“ (Höffer) sind bei den Älteren noch präsent. In den Stasi-Unterlagenbehörden wird weiter permanent an der Aufarbeitung gearbeitet, um auch den jungen Menschen diese Phase der deutschen Geschichte nahezubringen und Lehren daraus zu ziehen. Die Stasi selbst hat in den letzten Tagen des SED-Regimes die Hälfte der Akten vernichtet.

250 000 Menschen habe die Stasi, die nur der SED verantwortlich war, inhaftiert. Die Stasi sei gemessen an den 17 Millionen DDR-Bürgern die „größte Geheimpolizei der Welt“ gewesen, die über 92 000 hauptamtliche und 188 000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) verfügte. Darunter auch 3000 Bundesbürger, 51 aus Schleswig-Holstein. Sie war auch Nachrichtendienst und Verfolgungsorgan mit eigenen Gefängnissen – Menschen wurden auf offener Straße verhaftet, „in die Mangel genommen“, erpresst, gefoltert. Die Stasi, so Höffer, versuchte Einfluss auf die westdeutsche Politik zu nehmen, verfügte über hochrangige Spione im Westen bis in die Parteispitzen hinein. So verhinderte der Ost-Agent und SPD-Fraktionsgeschäftsführer Karl Wienand (SPD) 1972 den Erfolg des Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, indem er einen CDU- und FDP-Politiker mit jeweils 50 000 DM „schmierte“, er selbst kassierte 900 000 DM Agentenlohn. Zwei Jahre später stürzte Brandt über DDR-Spion Günter Guillaume im Bundeskanzleramt. Auch Uwe Barschel habe enge Verbindungen in die DDR gehabt, die ohne Stasi-Kenntnis nicht möglich gewesen wären.


Marine-Spion „Veran“

Immer sei die Stasi aktiv gewesen, um Schwachstellen und Verfehlungen missliebiger DDR-Bürger oder von Westbürgern auszukundschaften, um sie gefügig zu machen und für Spionagezwecke anzuwerben. Die Stasi „schnüffelte“ solange, bis sie etwas fand, und wenn sie nichts fand, inszenierte sie etwas. Alle Mittel waren recht, auch der Einsatz von „HWG-(häufig wechselnder Geschlechtsverkehr)Frauen, die als „weibliche Romeos“ auf Bundesbürger angesetzt wurden. Auch Ost-West-Städtepartnerschaften, Kontakte von Kirchengemeinden oder Sportvereinen waren Sache der Stasi und wurden durch IM überwacht. Geflohene und ausgereiste DDR-Bürger wurden bis in den Westen von der Stasi verfolgt und am Aufbau einer neuen Existenz gehindert. Es gibt einige ungeklärte Todesfälle, in die die Stasi involviert ist.

In Eckernförde hatte 1984 ein Spion unter dem Decknamen „Veran“ versucht, die Marine auszuspionieren – er flog auf. Auch die Wehrtechnische Dienststelle und das U-Boot-Geschwader waren Ziele der Stasi. Ein Stasi-Offizier wurde zudem im Stadtarchiv enttarnt.

Vorträge wie der von Volker Höffer über die Stasi-Vergangenheit sind notwendig, um allen diktatorischen Entwicklungen zumindest auf deutschem Boden rechtzeitig begegnen zu können.

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