Strompreis : Landrat fordert: Strompreis runter

Rolf-Oliver Schwemer prangert überholtes System der Netzentgelte an. Verbraucher könnten um fünf Prozent entlastet werden.
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Rolf-Oliver Schwemer prangert überholtes System der Netzentgelte an. Verbraucher könnten um fünf Prozent entlastet werden.

Rolf-Oliver Schwemer prangert überholtes System der Netzentgelte an

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16. Januar 2015, 06:22 Uhr

Eckernförde | Der Ausbau regenerativer Energien in Schleswig-Holstein wird zunehmend zur Belastung für die Bürger im Land. Das befürchtet zumindest Landrat Dr. Rolf-Oliver Schwemer. Er warnt vor einer unfairen Verteilung der Kosten für den Netzausbau und sieht auch große Nachteile für die Einwohner Rendsburg-Eckernfördes. Ihm zufolge müssen Verbraucher im Norden einen viel höheren Strompreis bezahlen als in Gebieten, in denen weniger Energie aus Wind- und Sonnenkraft erzeugt wird. Eine Entlastung von bis zu fünf Prozent wäre für die Stromkunden drin, wenn die Lasten besser verteilt werden würden. Deshalb fordert er die Landesregierung auf, etwas gegen die Ungleichbehandlung zu tun.

Hintergrund der laut Schwemer „unfairen Verteilung“ sind die Netzentgelte. Sie sind Teil des Strompreises und werden von den Netzbetreibern dafür erhoben, dass Stromlieferanten die Leitungen nutzen. Die Stromkonzerne stellen die Entgelte ihren Kunden in Rechnung. Darin enthalten sind auch die „vermiedenen Netznutzungsentgelte“. Sie waren laut Schwemer vor mehr als zehn Jahren eingeführt worden, als der Gesetzgeber noch davon ausging, dass Windkraft- und Photovoltaikanlagen weit über das Land verteilt liegen und jeweils nur kleine Mengen Strom ins Netz liefern. Auf diese Weise hätten Leitungen der Mittel- und Niederspannungsebene ausgereicht, um die Lieferungen aufzunehmen. Deshalb habe der Gesetzgeber angenommen, „dass dem Netzbetreiber geringere Aufwendungen entstehen würden als bei Einspeisung aus Großkraftwerken“, erklärt Schwemer. Diese Einsparungen musste der Netzbetreiber in Form der vermiedenen Netzentgelte weitergeben.

Inzwischen entstehen den Betreibern jedoch keine Einsparungen mehr. Im Gegenteil: Weil es in den vergangenen Jahren einen rapiden Anstieg vor allem der Windkraftanlagen gegeben habe, werde so viel erneuerbarer Strom produziert, dass er „über die Höchst- und Hochspannungsnetze in Ballungsgebiete abtransportiert werden“ muss, etwa nach Hamburg und Nordrhein-Westfalen. So entstehen den Netzbetreibern im Norden Schwemer zufolge höhere Aufwendungen als denen in Regionen mit weniger Windkraftanlagen.

Das will der Landrat nicht hinnehmen, denn das System führe nicht nur zu einer stärkeren Belastung der Verbraucher im Land insgesamt, sondern besonders in ländlichen Gebieten wie dem Kreis Rendsburg-Eckernförde. Private Stromkunden und Unternehmen gleichermaßen. „Jene Menschen also, die ohnehin die Lasten des Umbaus der Energieversorgung zu tragen haben – in Form von Windparks und Stromtrassen vor ihrer Haustür“, kritisiert Schwemer. Die „überhöhten Netzentgelte“ gehörten daher „schnellstmöglich korrigiert“, da die Energiewende eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und deshalb von allen Verbrauchern zu tragen sei – unabhängig vom Wohnort.

Mit seiner Forderung steht Schwemer nicht allein: Bereits 2012 hat die Bundesnetzagentur darauf hingewiesen, dass die Annahmen zur Einführung der vermiedenen Netzentgelte „nicht länger erfüllt“ sind, wie es in einem Bericht zur Entwicklung der Netznutzungsentgelte heißt. Schwemer zufolge haben andere Bundesländer bereits „Vorschläge zur Gleichverteilung der Lasten aus der Energiewende gemacht, Schleswig-Holstein schweigt bislang“. Deshalb sei es „dringend nötig, dass sich die Landesregierung eindeutig positioniert“.

Schwemer schlägt vor, das System der vermiedenen Netzentgelte abzuschaffen und bundesweit eine Umlage einzuführen. Dadurch könnten die „besonders belasteten Verbraucher um drei bis fünf Prozent ihrer Stromkosten entlastet werden. Bei energieintensiven Betrieben können sich Beträge im sechsstelligen Bereich ergeben.“ Auch der Betreiber SH Netz AG hat das Problem erkannt. Sie beziffert die Mehrbelastung durch die vermiedenen Netzentgelte auf rund 70 Millionen Euro pro Jahr – und fordert ebenfalls ein neues Netzentgeltsystem. Der Betreiber rechnet damit, dass die Netzentgelte 2015 für Privatkunden bei acht Cent pro Kilowattstunde liegen. 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Anstieg ist offenbar auch auf die vermiedenen Netzentgelte zurückzuführen. 

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