St.-Nicolai-Strasse : Kritiker sehen Altstadtflair in Gefahr

Die Altstadtgasse St.-Nicolai-Straße ist eine attraktive Einkaufsstraße. An der geplanten Neupflasterung scheiden sich die Geister.  Fotos: Kühl
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Die Altstadtgasse St.-Nicolai-Straße ist eine beliebte Einkaufsstraße. Der Ratsbeschluss, sie barrierefrei auszubauen und komplett neu zu pflastern, steht wegen der Corona-Krise und der hohen Kosten auf der Kippe.

Verantwortliche von einst können geplanten Austausch der Natursteine in der St.-Nicolai-Straße nicht nachvollziehen. Sie wollen keine Klinker-Piste.

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18. Februar 2018, 06:43 Uhr

Eckernförde | Es ist zwar schon etliche Jahre her, doch der damals gerade frisch im Amt befindliche Bürgermeister Klaus Buß kann sich noch gut an den Ausbau der St.-Nicolai-Straße in eine Fußgängerzone in den Jahren 1988/89 erinnern. Bis dahin war die Nicolaistraße noch Fahrstraße mit Bürgersteigen links und rechts. Die Vorstellungen der Stadt und der Denkmalspflege gingen anfangs auseinander, man einigte sich auf einen Kompromiss und entwickelte eine Dreiteilung der Nicolaistraße mit einem mit kleinen Granitsteinen gepflasterten Mittelstreifen, Abflussrinnen mit den vorhandenen Groß-Granitsteinen und glatten Laufflächen links und rechts. So wurde es gemacht, so ist es noch heute 30 Jahre später.

Für Klaus Buß ist die Nicolaistraße die attraktivste Straße in der Innenstadt. Das besondere Flair und der Charme der Straße habe sich bis heute erhalten und seien durch die Vielzahl attraktiver Geschäfte noch gestiegen. Nicht nachvollziehen kann er allerdings, warum man diesen ansprechenden Zustand jetzt verändern und die wertvollen Natursteine durch glatte Klinkersteine ersetzen will. „Die Begründung ist nicht schlüssig“, sagt der Bürgermeister und Innenminister a.D.. Schließlich habe man schon damals an die gehbehinderten Menschen gedacht und für sie die breiten, ebenen Gehstreifen angelegt. „Die sind breit genug“, so Buß. Die Geschäftsinhaber hätten dafür zu sorgen, dass ihre Werbeschilder und Verkaufsständer den Durchgang nicht behindern und die Verwaltung müsse dies kontrollieren. Aufsteller müssen laut Vorschrift mindestens einen Meter vom Rand des Kopfsteinpflasters entfernt sein.

Auch der frühere Bauamtsleiter Hartwig Deimel hält die derzeitige Gestaltung für sehr gelungen. Allerdings sei die Wölbung in der Mitte zu hoch ausgefallen und die beiden Abflussrinnen zu stark ausgeprägt. „Das war so nicht vorgesehen.“ Diese Fehler könnten allerdings leicht behoben und auch mit den vorhandenen Natursteinen ausgebügelt werden, um die Gehfreundlichkeit zu erhöhen. Wichtig wäre für Deimel, dass die Straße „ihren Charakter behält“. Falls das tatsächlich nur mit einer neuen Klinkerpflasterung möglich sein soll, müsse man sich „gestalterisch einiges einfallen lassen“. Auch der damalige Planer, Manfred Medler, schätzt die derzeitige Gestaltung sehr. „Ein wunderschönes Pflaster, das ist fast schon Kunst.“ Seiner Meinung nach wäre es völlig ausreichend, die Rinnen anzuheben.

Das Geld für den barrierefreien Ausbau der Kieler Straße und der Nicolaistraße – 256 000 Euro – hat die Ratsversammlung mit dem Haushaltsbeschluss im Dezember bereitgestellt. Jetzt geht es um die gestalterische Umsetzung, die derzeit in den Fraktionen beraten wird. Es geht nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wie“ mit mehreren Optionen. Ob neben dem Austausch der Natursteine und der Verlegung glatter Klinkersteine auch eine moderate Regulierung mit den vorhandenen Natursteinen eine Option ist, wird sich zeigen.

Was sagen die Nutzer und die Geschäftsleute? „Ich mecker’ auch schon mal, aber das hier würde ich so akzeptieren“, meint Friedchen Fieler aus Kropp. Sie ist seit zwei Jahren auf den Rollator angewiesen und war mit ihrem Mann Jens in der Nicolaistraße unterwegs. „Man kann darauf laufen und ausweichen.“ Schwierig sei es in den tiefen Rinnen – ihr Vorschlag: Die Rinnen an das Niveau etwas angleichen.


„Das sieht hübsch aus, und die Seiten sind glatt“

„Das kann ruhig so bleiben“, sagt Rollator-Nutzer Hans Jess. Der Fockbecker war mit Frau Ingeborg nach Eckernförde gekommen. „Das sieht hübsch aus, und die Seiten sind glatt.“

Karen Haase hat ihre Tochter Carolin besucht. „Ich würde es so lassen“, sagt die Schleswigerin, „man kann es begradigen.“ Klinker statt Naturstein? „Das sieht nach nichts aus und ist nicht gut für das Stadtbild.“

In den Geschäften ist die Meinung geteilt. Kirstin Suhr ist Verkäuferin in einem Damenbekleidungsgeschäft. Sie kann die Rollstuhl- und Rollatorfahrer verstehen, die Probleme in der Nicolaistraße haben. Vor allem im Sommer, wenn dort viele Menschen unterwegs sind, sind die Seitenstreifen überfüllt, gerade wenn Kunden an den Verkaufsständern stehen und dort auch mal ein Fahrrad abgestellt wird. „Da kommt ein Rollstuhlfahrer nicht durch.“ Andererseits findet auch sie das Natursteinpflaster hübsch und würde das Flair gerne bewahrt sehen.

„Man kann nicht nur nach Schönheit gehen“, sagt Edda Westphal, Inhaberin der „Schatztruhe“. Sie befürwortet eine Neupflasterung. „Die Leute müssen vernünftig laufen können. In der Mitte geht keiner, alle quetschen sich links und rechts durch die Straße.“ Ihre Wohnungsmieterin Marret Fuhrer meint, dass man auch bei einer Neupflasterung das Flair erhalten könne, „es muss ja nicht 08/15 sein.“

„Sieht schön aus und entspricht der Altstadt, aber wir haben auch viele ältere Menschen in Eckernförde, die Probleme haben“, sagt „Classic Line“-Inhaberin Renate Begerow. Es habe bereits mehrere Stürze gegeben. Das Pflaster sehe schön aus, „aber wir müssen auch an die Mitmenschen denken.“

„Ich würde es so lassen“, sagt hingegen Marika Triphan, die seit 1986 bei Foto Prien arbeitet. In der Mitte zu gehen, sei zwar „echt gemein“, aber an den Seiten sei ausreichend Platz. „Ich habe noch nie Beschwerden gehört.“

>Was Rollstuhlfahrerinnen dazu sagen, lesen Sie auf Seite 10

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