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Eckernförder Zeitung

23. Oktober 2017 | 16:12 Uhr

Cyanid : Kreis: Kein Grund zur Panik

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ehemaliges Gaswerk der Stadtwerke: Die giftige Cyanide werden beim Grundwasserverlauf zum großen Teil ausgeschwemmt.

shz.de von
erstellt am 08.Nov.2014 | 06:48 Uhr

Die Belastung des ehemaligen Gaswerk-Geländes in der Noorstraße mit giftigen Cyaniden beschäftigt die Politik. Grundwassermessungen haben zum Teil Werte ergeben, die nahezu das 100-fache des Schwellenwertes für Gewässer erreichen (siehe EZ v. 29.10.). Dabei geht es um die frei lösbaren Cyanide, die von Organismen aufgenommen werden können. Es stellt sich die Frage: Ist dadurch die Umwelt gefährdet? Und: Könnten die giftigen Stoffe im Rahmen der Nooröffnung in das neu entstehende Gewässer gelangen und dort Schaden anrichten?

Unsicherheit beim Laien, Abwiegen beim Experten der zuständigen Kreisbehörde: Wichtig sei nicht nur die Konzentration des Cyanids, sondern auch, wo auf dem Grundstück sie gemessen wurde, sagt Ralf-Dieter Beck, Fachgruppenleiter „Bodenschutz und Abfall“ des Kreises. In der Grundstücksmitte nämlich – also dort, wo die unterirdischen Gasbehälter einst gereinigt, mit unbelasteter Erde gefüllt und bedeckt wurden – sind die Werte hoch. Das ist der Teil, wo die Kontamination direkt entstand, weil die Menschen damals bedenkenloser mit Chemikalien umgingen.

Von dort fließt das belastete Grundwasser in Richtung Noorstraße. Bis es dort ankommt, hat sich das Cyanid im Wasser schon durch chemische Prozesse um ein Vielfaches abgebaut. An einer Messstelle am Grundstücksrand an der Noorstraße zum Beispiel beträgt der Wert dann nicht mehr 0,5 mg/l wie in der Grundstücksmitte, sondern 0,07 mg/l, was immer noch über dem Schwellenwert von 0,005 mg/l liegt. Von dort fließt das Wasser weiter, bis es irgendwann im Hafenbecken landet. Die Cyanid-Belastung dürfte bis dahin weiter sinken. Eine Verbindung zum Trinkwasser besteht nicht.

Den Schwellenwert von 0,005 mg/l relativiert Ralf-Dieter Beck als nach neuesten Erkenntnissen zu niedrig. Demnächst solle er auf 0,01 bis 0,02 mg/l heraufgesetzt werden. Er berichtet von Mikroorganismen, die Cyanide abbauen und erst sterben, wenn eine Konzentration von 10 mg/l erreicht wird. „Das Wasser gelangt schon seit Jahrzehnten in den Innenhafen“, sagt er. Die Nooröffnung würde daran nichts ändern. Und die Toxizität sollte nicht überschätzt werden. „Wenn ein Sportboot im Hafen einen Liter Sprit verliert, ist das wesentlich schädlicher für die Umwelt.“ Sobald das Grundwasser ins Hafenbecken gerät, wird es so sehr verdünnt, dass der Schwellenwert weit unterschritten wird.

Dennoch kommt die Tatsache der Cyanid-Belastung für Verwaltung und Politik im Rahmen der aktuellen Erstellung eines Bebauungsplans für das Gelände überraschend, wird das Grundwasser doch schon seit einer Sanierung des Grundstückes Mitte der 90er-Jahre im Auftrag der Stadtwerke beprobt.

Als Dietmar Steffens 2008 Geschäftsführer der Stadtwerke wurde, lief das Grundwassermonitoring schon seit 13 Jahren. „Die Leute in der Verwaltung, die damit befasst waren, wussten davon. Vielleicht wurde die Belastung aber als zu gering eingestuft, so dass das Thema langsam in den Hintergrund geriet.“ Der damalige Ansprechpartner der Stadtwerke auf jeden Fall sei heute nicht mehr in der Verwaltung tätig. 2010, als die Nooröffnung konkreter wurde, hätten die Stadtwerke zwei Bohrungen am Aldi-Parkdeck auf der gegenüberliegenden Seite der Noorstraße veranlasst, um dort Messungen vorzunehmen. Festgestellt wurde, dass das belastete Grundwasser unter der Noorstraße hindurchfließt und dann die Richtung wieder zurück zur Noorstraße ändert. „An einer Bohrung wurde keine Belastung festgestellt, an der anderen eine geringfügige.“ Gespräche habe es mit der BIG gegeben, die das Gelände der Nooröffnung verwaltet. „Ich gehe davon aus, dass auch jemand von der Stadt dabei war“, so Steffens, der betont, dass der Cyanid-Grenzwert für Abwasser bei 1 mg/l liege. „Das belastete Grundwasser dürfte also sogar in die Abwasserkanalisation gepumpt werden.“

Auch der Fachdienst Umwelt des Kreises sah bei der erstmaligen frühzeitigen Beteiligung an der Auslage des B-Plans 2012 keinen Anlass, auf die Situation aufmerksam zu machen. „Es ist erst sinnvoll, sich zu äußern, wenn die Vorhaben konkret sind“, so Michael Wittl. „Und das waren sie damals nicht.“ Sich zu allen vagen Angaben im Detail äußern zu müssen, sei unverhältnismäßig. Außerdem sei es als selbstverständlich angesehen worden, dass allen Beteiligten die Gutachten bekannt sind.

Jetzt ist das Vorhaben konkret: Ein Parkdeck soll auf dem Gelände gebaut werden, weshalb der Kreis Auflagen geäußert hat: Die Stadtwerke müssen eine Computersimulation erstellen, die Aufschluss darüber gibt, wie das Grundwasser nach dem Bau verläuft, um dort neue Messstellen zu errichten. Monatlich bis vierteljährlich müsse das Grundwasser beprobt werden und eventuell durch ein Filtergranulat gereinigt werden. Das Thema wird im Umweltausschuss am 11. November weiter diskutiert.

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