Medikamenten-Experimente : Kowalkes Kampf für die Heimkinder

Heiner Garg (r.) hat sich viel Zeit für ein Gespräch mit Eckhard Kowalke (l.) und Franz Wagle genommen.
Heiner Garg (r.) hat sich viel Zeit für ein Gespräch mit Eckhard Kowalke (l.) und Franz Wagle genommen.

Eckhard Kowalke hat als Vorsitzender des Vereins „Ehemalige Heimkinder Schleswig-Holstein“ bei Sozialminister Heiner Garg Kritik angebracht.

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13. Dezember 2017, 06:01 Uhr

Für den Eckernförder Eckhard Kowalke war es die schlimmste Zeit seines Lebens: Drei Monate brachte er in seiner Jugend in der Kinderfürsorgeanstalt Neustatt in Niedersachsen zu und wurde Zeuge von Gewalt und Willkür. Ihm erging es wie vielen Heimkindern, die lange schwiegen. Doch das Thema kochte vor sieben Jahren wieder hoch – mit seinem Verein „Ehemalige Heimkinder Schleswig-Holstein“ (VEH SH) kämpfte Kowalke als Vorsitzender für eine Rehabilitation und Entschädigung der damaligen Opfer.

Vor einem Jahr wurde das nächste Kapitel aufgeschlagen: Eine Studie beschrieb, wie in den 60er-Jahren in Kinder- und Jugendpsychiatrien der Bundesrepublik Medikamente ohne die Zustimmung der Probanden verabreicht wurden. Bund, Länder und Kirchen richteten daraufhin im Dezember 2016 die „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ für Menschen ein, die Leid und Unrecht in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und in Heimen der Behindertenhilfe von 1949 bis 1975 erfahren hatten.

Eckhard Kowalke kritisierte öffentlich, dass in der Stiftung zwar die Organisationen vertreten seien, die damals das Unrecht zu verantworten hätten, aber nicht sein Verein als Interessenvertretung der Geschädigten. Stattdessen seien „Alibi-Heimkinder“ beteiligt, die im täglichen Leben einen Betreuer bräuchten. „Antragsteller werden erst einmal von einer der Täterorganisationen begutachtet“, so Kowalke. „Und die Bearbeitung eines Antrags kann bis zu drei Jahre dauern. So geht man nicht mit stigmatisierten und traumatisierten Menschen um.“

Seine Kritik hat Früchte getragen: Schleswig-Holsteins Sozialminister Heiner Garg (FDP) hat Eckhard Kowalke und seinen Vereinskollegen und Betroffenen Franz Wagle im Kieler Ministerium empfangen und sich viel Zeit für ein Gespräch genommen. Kowalke: „Minister Garg hat den Vorschlag gemacht, unser Anliegen und unsere Kritik selber am ’Runden Tisch Anerkennung und Hilfe’ vorzutragen. Dieses Angebot würden wir gerne wahrnehmen.“

Doch der Verein „Ehemalige Heimkinder Schleswig-Holstein“ will auch in die Zukunft wirken. „Wir wollen unsere Erfahrungen dafür einsetzen, dass sich die Verbrechen, die wir als Kinder erleiden mussten, nicht wiederholen können“, so Kowalke. Deswegen plant der Verein die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kinderschutzbund. Ein erstes Gespräch mit der Landesvorsitzenden Irene Johns habe es bereits gegeben. „Dabei haben wir verabredet, dass wir aufeinander zugehen werden, um gemeinsame Interessen für die Kinder durchzusetzen. Mit Minister Heiner Garg haben wir verabredet, dass wir als Partner und nicht als Gegner wirken wollen. Es geht uns darum, die Erkenntnisse aus der Vergangenheit gemeinsam positiv für die Zukunft unserer Kinder zu verwenden.“

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