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Eckernförder Zeitung

24. Oktober 2017 | 09:57 Uhr

Kompass ’98 und der „große Wurf“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Werkstatt für Menschen mit psychischer Behinderung nimmt neue Werkstätten und Arbeitsräume in Betrieb / Keine Mehrkosten durch Neubau

von
erstellt am 04.Okt.2014 | 06:38 Uhr

Die über 90 Mitarbeiter und 25 Fachkräfte von Kompass ’98, der Eckernförder Arbeitsstätte mit sozialpädagogischer Betreuung für Menschen mit psychischen Behinderungen, haben am Donnerstag ihre neuen Arbeitsräume im Kolm 10 in Betrieb genommen. Im großen, ein- und zweigeschossigen Neubau mit klarer und funktionaler Struktur, heller und freundlicher Gestaltung und ansprechender Optik mit Lärchenholzverkleidung sind unter anderem die Werkstätten und Arbeitsräume der Garten- und Landschaftsbauer und der Montage untergebracht. Zwei der acht Abteilungen, zu denen auch die Fahrradwerkstatt mit Fahrradverleih, EDV und Bürodienstleistungen, Grafik, Gravierwerkstatt sowie die Bereiche Küche und Hauswirtschaft gehören. Mit einem Festakt und Tag der offenen Werkstatt wurden das sanierte Altgebäude und die Neubauten mit einer Gesamtfläche von 2000 Quadratmetern nach einem Jahr Bauzeit und einem Investitionsvolumen von 2,7 Millionen Euro eingeweiht.

Durch das Programm führten Norbert Eggers, Einrichtungsleiter der Werkstätten Materialhof in Rendsburg, zu der auch Kompass ’98 gehört, und Marita Kahn als Kompass-Leiterin. Pastor Karsten Struck von der Norddeutschen Gesellschaft für Diakonie (NDG) stimmte die Gäste mit Gedanken über den Kompass, die Orientierung und den sicheren Ausgangspunkt ein. NGD-Geschäftsführer für den Bereich Arbeiten und Wohnen mit Assistenz, Martin Seehase, ging auf die Entwicklung des Hauses ein und nannte auch den Grund für die Erweiterung: die steigende Zahl psychischer Erkrankungen mit einer erhöhten Nachfrage nach Plätzen sowie die organisatorischen Probleme bei der Koordinierung der Angebote an mehreren angemieteten Standorten in Eckernförde. Als die Telekom dann 2011 den Teil des Grundstückes, auf dem Kompass sich eingerichtet hatte, verkaufen wollte, habe man „die Chance auf den großen Wurf gesehen“: Es wurde gekauft, die übrigen Mietobjekte gekündigt, saniert und neu gebaut. Alles bei laufendem Betrieb und unter exakter Einhaltung der Kostengrenze, lobte Seehase den Eckernförder Architekten Hartmut Meyer. Kostenmanagement und Kalkulation hätten dazu geführt, dass die monatlichen Kosten nach Sanierung und Neubau nicht höher seien als die bis dato anfallenden Ausgaben für Mieten und Energie, freute er sich über diese keinesfalls unwesentliche Randnotiz. Deutlich bessere Arbeitsbedingungen in neuen, barrierefreien Räumen bei gleichen Kosten, diese Bilanz könne sich sehen lassen. Seehase dankte den 25 regionalen Baufirmen und Architekt Meyer „für die vielen tollen Ideen“.

„Hell, klar und schlicht - trotzdem hat es was“, nahm der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Ulrich Hase, den Faden auf. Und er wurde sogleich politisch: „Hört auf, die Werkstätten in Zeiten der Inklusion in Frage zu stellen“, richtete er einen Appell an Politik und Gesellschaft, weil immer wieder mit dem Kostenargument versucht werde, bei der Behindertenbetreuung zu sparen. Für ihn sei „Partizipation gleich Inklusion“, sagte Hase. Menschen mit Behinderung hätten die gleichen Rechte wie alle anderen, am Leben teilzuhaben, es mitzugestalten und mitzuentscheiden. Dafür lohne es sich zu kämpfen. Für die stellvertretende Bürgervorsteherin Anke Göttsch ist Kompass ’98 „der etwas andere Arbeitgeber“, wobei sie das ausschließlich positiv meinte. Die Angebote, hochwertigen Produkte und professionellen Dienstleistungen würden von den Bürgern „gerne angenommen“. Göttsch warb für die Inklusion. Aber nur die Rechte zuzusprechen, reiche nicht – „Inklusion braucht Wohlwollen und Nächstenliebe“.

Anja Hansen vom Werkstattrat und Karin Hilgert von der Mitarbeitervertretung dankten allen Beteiligten für die Sanierung und den Neubau. In der Bauphase hätten die Mitarbeiter und Beschäftigten „ein Baustellengefühl entwickelt und Improvisationstalent bewiesen“, sagte Hilgert. Die neuen Arbeitsräume hätten für „ein neues Miteinander am Arbeitsplatz und für bessere Arbeitsbedingungen gesorgt – jetzt sind wir dran“, forderte sie alle Mitarbeiter auf, ihren Teil zum Gelingen beizutragen.

Um die Einigkeit zu symbolisieren, zogen einige Beschäftigte und Mitarbeiter dann eine große Kiste mit angehefteten Stichwörtern zu den Themen Inklusion, Integration und Gemeinsamkeit mit einem gemeinsam gehaltenen Tau durch den Gang nach vorn, und lasen einige Texte vor. In der Kiste steckte zudem ein großer, symbolischer Schlüssel, den Architekt Hartmut Meyer dann an die Vertreter von Kompass ’98 überreichte. Wenn jeder Mitarbeiter und Beschäftigte ein Faden sei, seien alle zusammen ein starkes Tau, mit dem viel bewegt werden könne, sagte Meyer in Anspielung an die vorhergehende Szene.

Der Werkstatt-Chor „Fördewellen“ rundete die Veranstaltung mit einem Potpourri ab, anschließend konnten die Gäste die neuen Räume besichtigen und einen Imbiss im Speisesaal einnehmen.

Der Einrichtungsleiter Werkstätten Materialhof, Norbert Eggers, NGD-Abteilungsleiter Martin Seehase, und Kompass-Chefin Marita Kahn wiesen gegenüber unserer Zeitung auf die Bedeutung der Arbeit und gute Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen hin. Menschen mit psychischen Erkrankungen seien vorher zumeist berufstätig gewesen, durch Druck oder Überforderung krank geworden und würden durch die Agentur für Arbeit und die Sozialbehörden des Kreises in Einrichtungen wie Kompass ’98 geschickt. Dort würden sie stabilisiert und in den ersten zwei Jahren beruflich fortgebildet. Gelingt der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt nicht, können sie in den Arbeitsbereichen in Eckernförde und Rendsburg einer bezahlten Beschäftigung nachgehen, mit der sie im Übrigen auch Rentenansprüche erwerben.

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