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Eckernförder Zeitung

21. September 2017 | 14:18 Uhr

Knud Romer: Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

von
erstellt am 11.Apr.2014 | 16:45 Uhr

Viele Monate fand man dieses ergreifende Buch auf Dänemarks Bestsellerliste auf Platz 1, eine erstaunliche Tatsache. Ehrlich und schonungslos ist die Sprache, in einer langen Nacht gelesen. Gibt es so etwas überhaupt? 1978? Ja, in Nyköbing, Falster, oder auch bei uns und anderswo?

Unser kleiner Held, Knud Romer, marschiert jeden Tag fröhlich zur Schule, allerdings in Lederhosen und mit Schinken-Pausenbrot, für Dänemark völlig unüblich. Und bald lässt man es ihn spüren. Auf grausame und entwürdigende Weise wird das deutsche „Schwein“ täglich auf seinem endlosen Leidensweg geschlagen, gejagt, bespuckt, verlacht, gemieden, verachtet. Alle schauen weg und machen mit, die Lehrer, die Nachbarn, die grausamen Schüler, der Bäcker, der Schlachter. Knud leidet still und widerstandslos, auch fehlt ihm der Mut sich seinen Eltern anzuvertrauen, weil er spürt, sie sind auch ohne seinen Kummer belastet genug. Er ist ein wahrer Held, der kleine Mann!

Der Vater, ein Däne aus einer teils spinnerten, teils aus glücklosen Abenteurern bestehenden Familiengeschichte, die geliebte Mutter wunderschön, blond, klug, von ihren beiden „Männern“ bewundert in Ozelot und Pumps. Aber deutsch, ein Hitlerflittchen und darum mit Aussatz behaftet und von der Gesellschaft gemieden wie die ganze Familie. Dass sie sich in letzter Minute schwerverletzt und traumatisiert retten konnte, ihre Freunde im Widerstand hingerichtet wurden, weiß niemand und will auch keiner wissen.

Knud Romer wird größer und verändert sich, nicht aber seine Stadt. Er pflegt und begleitet seine geliebte Mutter in ergreifender Weise bis zu ihrem viel zu frühen Tod. Für den schwachen und geschockten Vater übernimmt er alle Formalitäten und erlebt, wie sollte es auch anders sein, eine völlig entwürdigende, einsame Beisetzung.

Aber ein Wunder geschieht mit Knud Romer. Statt sich weiter zu grämen, zu trauern, zu graben und fragen erinnert er sich an eine Schieblade seiner Kindheit. Er wühlt zwischen Strandgut, Glaskugeln, Donnerkeilen, uralten, verknöcherten Schinken-Pausenbroten und den tausend Splittern aus dem zerschundeten Körper des Stalingradkämpfers, seines Onkels. Gemischt mit Wut, Trauer und Verzweiflung formt unser Held eine symbolische Handgranate, läuft auf die Höbro und schaut ein letztes Mal auf die Düsternis seiner Kindheit. Dann wirft er die „Waffe“ laut schreiend und sich die Ohren zuhaltend so weit er kann von sich, dreht sich um, und alles ist vorbei. Er hat die Kraft ein neues Leben anzufangen.

Ein Buch, das aufrüttelt und nachdenklich macht.

Was sagt Elke Heidenreich? „Lesen!“

>Knud Romer: Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod, Roman, 169 Seiten (gebundene Ausgabe), Insel Verlag

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